Interview mit Will Haven
Konzertbericht und Interview mit Will Haven im Schlachthof, Wiesbaden am 23.03.2007 Endlich mal live und im Gespräch
Will Haven Mal vorweg: Ich weiss nicht, ob ich sagen soll "ich befürchte" oder einfach nur nüchtern spekulieren sollte, dass sich Will Haven zurzeit in eine Art kommerziellere Ebene begeben. Alle Zeichen sprechen hierfür und letzlich sei ihnen nach langen langen Jahren harter Arbeit auf hohem künstlerischen Niveau schlicht auch mal vergönnt, erfolgreich zu sein (und vielleicht auch ein paar Kröten zu verdienen).

Nach einer langen Pause, Versuchen mit Nebenprojekten und viel Hin- und Her, scheint sich jetzt zu etablieren, dass der neue Sänger Jeff Jaworski entgültig integriert ist und, wie sich im Interview bestätigt, der Vertrag mit dem Label Bieler Bros die Neuproduktion des soeben fertiggestellten Albums "Hierophant" unter der Schrimherrschaft Chino Morenos einen Einfluss auf die konzeptionelle Entwicklung der bisher unbekannten und eher in noise- bzw. experimenteller Richtung orientierten Band in Richtung "Popularitaet" geht. Soweit man das in diesem Genre Musik überhaubt erreichen kann, populär zu werden, ohne nicht wenigstens einen "Gassenhauer" für MTV produziert zu haben.

Nun, hübsch anzusehn sind sie alle mehr oder weniger, freundlich auch und wissen sich zu präsentieren und arbeiten ordentlich und homogen. Ich wünsche ihnen Glück in der Zukunft, denn spätestens als ich sie im Schlachthof hautnah und dank Fotopass Aug in Aug direkt vor der Bühne erleben durfte, überzeugten diese Musiker mit ihrem grossen Können und ihrem kompromisslosen Einsatz und ihrer totalen Präsenz. Sie spielten kaum Sachen vom neuen Album und gerade in den bisherigen Songs setzt sich ihre Energie und Wucht in hohem Masse durch und ich war froh, sie mit diesem Repertoire nochmal geniessen zu dürfen. Wie eine grosse epische Maschine vermengen sich v.a. Gitarren, Bass und Drum zu einem Klang und einer monotonen und dadurch befreienden Kraft, die einfach einmalig auf ihre Art ist und mich nach wie vor zutiefst berührt.

Den Eindruck, den im Live-Zusammenhang der neue Sänger Jeff Jaworski auf mich machte, kann ich nur zwiespältig beschreiben: Einerseits ist seine Stimme nicht wirklich mit der Grady Avenells vergleichbar. Ja, Tonlage klar, aber die speziell introvertierte und differenzierte und dramatische Dynamik, die halt Avenell eigen ist, ist Jeff Jaworskis Sache nicht. Abgesehen von der Performance, die schon allein von der persönlichen Ausstrahlung nicht vergleichbar ist, hat Avenell noch passend zum kolossalen Klangteppich und zu den endlosen komplexen Passagen der alten Songs sich einsam entäussert und nach innen gekehrt, um immer wieder plötzlich hochtheatralisch zu explodieren. Jeff ist - auch motorisch - eher ein beherrschterer Typ von offener - auch populärerer - Ausstrahlung, der mit schon scheinbar grosser Routine sich diesem sicher nicht leichten Job stellt, durchaus freundliche Show macht und somit auch objektiv vielleicht mehr Publikum erreichen kann.

Ich bin sehr gespannt auf das neue Album und was Will Haven aus der neuen Situation musikalisch so machen! Nun zum Interview:

Nach allerlei Begrüssung sammeln sich überraschend alle fünf - statt der bisher publizierten vier - sehr freundliche, promowillige und aufmerksame Mitglieder der Band mit uns um einen kleinen Bistrotisch. Im Gespräch äusserten sich alle hie und da, vereinzelt untenstehend namentlich genannt oder zusammengefasst als Band, wenn es munter durcheinaner ging.

Dosenmusik: Ihr kommt gerade aus Paris. Habt ihr was von der Stadt gesehen? Und wie war die Fahrt hierher, hats geschneit?
Jeff Irwin: Bisschen geschneit, ja und den Eifelturm gesehen. 2 Uhr nachts waren wir nochmal dort, bevor wir nach Deutschland gefahren sind. Die Fahrt war aber problemlos.
Dosenmusik: Gestern war der erste Tag eurer Tour. Wie fühlt es sich an, wieder unterwegs zu sein mit euren Freunden, den Deftones?
Mike Martin: Sehr gut, wir waren 1999 sogar schonmal hier mit denen.
Dosenmusik: Werdet ihr heute abend Songs vom neuen Album spielen?
Will Haven: Einen oder zwei wahrscheinlich.
Dosenmusik: Habt ihr heute abend sonst einen konzeptionellen Schwerpunkt von einem eurer vergangenen Alben?
Jeff Irwin: Wir werden viele unterschiedliche alte Sachen spielen. Wir haben gerade die Aufnahmen für das neue Album am letzten Tag vor Tourbeginn beendet, d.h. dieses Repertoire ist sowieso noch sehr frisch und nicht veröffentlicht.
Dosenmusik: Gibt es ein Datum für die Veröffentlichung?
Jeff Irwin: Nein, noch nicht konkret.
Dosenmusik: Am 15. März hattet ihr nochmal einen Gig im Club Blue Lamp in eurer Heimatstadt Sacramento. Hat das immer noch einen Reiz für euch, zu Hause zu spielen?
Jeff Irwin: Es wird immer besser. Wir haben ja in der Vergangenheit soviel gespielt und getourt und sind auch immer wieder erfreut, wenn uns die Leute zu Hause begeistert zurückempfangen und sich an uns erinnern.
Dosenmusik: Im Netz gibt es aktuell nur sehr wenig von euch, "I've seen my fate" mit dem neuen Sänger als Live-Video ist toll, aber mir ist aufgefallen, dass man trotz Recherche nicht allzuviel wirklich konkret aktuelles über euch finden kann.
Mitch Wheeler: Wir sind zurzeit ein bisschen eher in den Printmedien vetreten, abgesehen davon, dass wir ja die Pause hatten. Alles ist im Umbruch und im Aufbau, der Neuanfang entwickelt sich gerade.
Dosenmusik: In den letzten Monaten gab es immer wieder unterschiedliche News, viel Bewegung drin: Grosse Reunion mit Grady, Ausstieg eines GItarristen etc.; Mein allererster Eindruck vor Jahren, den ich je hatte von Will Haven, war die 5-Personen-Besetzung, ein bombastischer orchestraler Sound. Die Gitarren klangen wie eine Horde Streicher. Episch. Ich bin sehr gespannt wie ihr wohl zu viert das hinbekommt. Auf den Alben habt ihr ja auch viel Effekte etc. wie ihr das live umsetzt finde ich spannend.
Mitch Wheeler: Deshalb haben wir Lance als zweiten Gitarristen heute mitgebracht um diesen Sound herzustellen. Er springt immer mal ein. Wir haben durch Lance die Möglichkeit live auch wie auf den Alben zu klingen.
Dosenmusik: Wird das neue Album anders klingen als die vorherigen?
Jeff Irwin: Man kann das nicht erklären, es wird auf jeden Fall etwas besonderes... das wird das ultimative Will Haven-Album. Neuer Sänger, neuer Produzent, ein grosser Schritt nach vorne für die Band. Chino hat ja mitproduziert. Er lebt in der Nähe des Studios und kam immer mal vorbei und hat uns motiviert und mal hier mal da kritisch und konstruktiv sich zu den Songs geäussert.
Dosenmusik: Werden die Songs strukturierter sein, in Zukunft also mehr Songs mit Wiedererkennungswert?
Will Haven: Ja, es wird strukturierter. Wir haben viel Zeit damit verbracht, Songs und Songteile immer wieder zu durchdenken. Chino hat ja wie gesagt, viel Feedback gegeben während der Produktion und Shaun Lopez, der Produzent, hat uns auch immer wieder unterstützt, die einzelnen Bausteine zusammenzusetzen. Zudem wurden manche Songs auch auf den neuen Gesang zugeschnitten.
Dosenmusik: Der Titel des neuen Albums soll "Hierophant" heißen. Bei der Netzrecherche kann man einiges an mythologischen Fakten hierzu finden. Und sogar Marilyn Manson hat sich in der Darstellung eines Tarots selbst als Hierophant plaziert.
Will Haven: Ja, Hirophant meint viel: Wissen, Weisheit, Lehrer des Spirituellen.
Dosenmusik: Habt ihr schon das Cover-Design?
Will Haven: Ein befreundeter Designer hat sich schon an was versucht, aber konkret ist das noch nicht.
Dosenmusik: Grady hat wohl auch beim Songwriting des neuen Albums geholfen. Wann war der Zeitpunkt in der Produktion als Jeff Jaworski eingestiegen ist in diese Arbeit?
Jeff Jaworski: Nun, manche Songs waren schon von Grady bei Sessions vorbereitet, aber in dem Sinne hat er keine konkreten Lyrics mehr für das neue Album gemacht, die habe ich dann selbstständig entwickelt.
Dosenmusik: Wie komponiert ihr eigentlich eure Songs? Wie werden sie erarbeitet?
Will Haven: Bei Proben; Hier ein Riff, da eine Idee während der Session, manchmal bringt Mitch auch einen Computerbeat oder sowas, dann setzen wir das Puzzle zusammen und probieren gemeinsam viel aus. Ist wie bei allen Rockbands diese Arbeit.
Dosenmusik: Hat eigentlich jemand von euch eine besondere musikalische Ausbildung?
Will Haven: Nein, keiner konkret. Unsere Musik hat sich über die Jahre aus der Praxis ergeben.
Dosenmusik: Gibt es andere Einflüsse als Rock auf eure Musik? Gerade weil sie doch manchmal zwischen den Tönen so unrockig klingt.
Will Haven: Wir hören alles aus allen Genres. Allein das Feeling einer Musik ist entscheidend, dass sie uns inspiriert, nicht die Ecke, aus der sie kommt.
Dosenmusik: Wie war das für Jeff Jaworski, Grady Avenell zu ersetzen?
Mitch Wheeler: Es war nicht schwer, denn Jeff ist schon lange eng mit der Band befreundet und es ging schnell und war keine Frage und absolut passend. Er ist sehr produktiv und ehrgeizig - und erscheint pünktlich zu den Proben. Er klingt zwar ähnlich wie Grady, aber nicht ganz so noisy eher etwas emotionaler vielleicht.
Jeff Jaworski: Natürlich haben manchmal die Fans gerufen wo ist Grady? Aber wir haben von Anfang an so gut zusammengearbeitet und wir wollen auch weiter nach vorne schauen, was neues entwickeln. Viele Bands haben in der Vergangeheit mit unterschiedlichen Sängern gearbeitet und das hat gut funktioniert: Black Flag, Dillinger Escape Plan, Van Halen, AC/DC...
Dosenmusik: Hast du eigentlich von allen Will Haven-Songs die Lyrics gelernt?
Jeff Jaworski: Derzeit in erster Linie die, die für die Tour wichtig sind. Wir hatten Zeitdruck und die vom neuen Album waren auch vorrangig.
Dosenmusik: Nochmal zurück zu eurem Sound. Manchmal erzeugt ihr Bilder damit, bewegte Bilder, wie Filmmusik. Mit welchem Regisseur würdet ihr gerne arbeiten?
Will Haven: Carpeneter, Craven... Lynch, ja eigentlich mit dem am liebsten. Wir haben selbst oft gedacht, gerade auch bei den neuen Songs, dass das gut zu Filmen passen würde.
Dosenmusik: Die harmonischen Strukturen sind so dramatisch und nicht typisch für Rock. Und erzeugen durch die spezifischen Harmonieschemen auch immer eine gewisse Spannung.
Mitch Wheeler: Ja, und wir haben auf dem neuen Album auch z.B. mit viel Percussions experimentiert.
Dosenmusik: Gerade das Drumming war doch auch in der Vergangenheit sehr experimentell und auch die Sounds der Gitarren waren sehr effektvoll. Wird auf jeden Fall spannend, wie ihr das nacher hier live umsetzt.
Mitch Wheeler: Es wird auf alle Fälle laut!
Dosenmusik: So lange ihr "I've seen my fate" spielt, ist alles ok.
Jeff Irwin: Wir spielen es heute abend zweimal für dich! (grinst)
Dosenmusik: Werdet ihr auch "Saga" spielen heut abend?
Will Haven: Ja, gleich zu Beginn.
Dosenmusik: Ihr seid jetzt bei den Bieler Bros unter Vertrag. Vieles hat sich, wie schon erwähnt, geändert für Will Haven. Wie sind die Pläne nach der Tour und nach der Veröffentlichung des Albums?
Will Haven: Wir gehen alle wieder richtig arbeiten.
Dosenmusik: Es gibt dieses schöne Radiointerview, mit Jeff Irwing glaube ich, wo er sehr genau und realistisch beschreibt, wie das existenzielle Leben als Musiker eigentlich wirklich ist. Könnt ihr jetzt nach der Vertragsunterzeichnung von der Musik und von dieser Tour leben?
Will Haven: Ja, gerade mal so. Aber für junge Leute ist wichtig zu wissen, dass selbst Bands wie wir eigentlich nur selten davon leben und wirklich sehr hart arbeiten und viel investieren müssen - und wie man so schön sagt: du musst es lieben! Lance hat seinen derzeitigen Job verloren, weil er die Tour zugesagt hat. Aber er war noch nie in Europa und wir brauchten ihn und dachten, nehmen wir ihn mal mit, weil er ein guter Freund ist und dass er mal rauskommt. (lacht)
Dosenmusik: Nehmt ihr ihn jetzt immer mit auf Tour?
Will Haven: Mal schaun (nochmal Gelächter)
Dosenmusik: Wie lang werdet ihr heut abend spielen?
Mitch Wheeler: 40 Minuten sind geplant, eine lange Zeit, denn Will Haven ist wie gesagt sehr laut!
Dosenmusik: Das hängt vom Zuhörer ab. Es gibt vielleicht Leute, denen schon eine Minute zuviel wäre und andere könnten stundenlang zuhören!
Nun, zum Abrunden sozusagen, ein assotiatves Fragespielchen. Ich nenne euch Namen von Bands oder Musikern und ihr antwortet nach Lust und Laune. Erste: Neurosis?
Will Haven: Wir hassen sie! NEIN! NEIN! (Gelächter) Sie sind GENIAL! keine Frage!
Dosenmusik: Kennt ihr schon das neue Album?
Will Haven: Leider gerade mal zwei Songs davon gehört.
Dosenmusik: Nächster: Max Cavalera?
Will Haven: Ein Bruder! Der King! Er ist Rockgott! Er hat uns auch immer unterstützt. "Most amazing riffs, energy and music!"
Dosenmusik: Frank Zappa?
Will Haven: Oha! Frag Mitch! Er LIEBT Zappa! Ja, man sollte sich mit Zappa beschäftigen!
Dosenmusik: Trent Reznor?
Will Haven: Wahnsinn!
Dosenmusik: Frank Zappa on speed.
Will Haven: Haha, ja, genau! Seine Show ist immer super, nur muss er halt auch mal Popsongs machen, um Geld zu verdienen.
Jeff Jaworski: Alec Empire ist auch toll. Weiss jemand, was der so grade macht?
Dosenmusik: Er arbeitet viel, hat ja auch mit Björk was gemacht. Der hat überall seine Finger im Spiel.
- Schon länger dröhnt im Hintergrund der Deftones-Soundcheck. Langsam lenkt das ein bisschen ab und im Grunde scheint für eben soweit alles gesagt. Wir brechen - nachdem sich die Band wirklich angenehm viel Zeit genommen hat - alle auf, noch ein nettes Gruppenfoto und mit shake-hands heisst es:
Dosenmusik: Vielen Dank für das Gespräch und viel Glück und Spaß auf der Tour! Wo werdet ihr morgen sein?
Jeff Irwin: Keine Ahnung.


Jeff Irwin - guitar
Jeff Jaworski - vocals
Mike Martin - bass
Mitch Wheeler- drums
Grady Avenell - vocals (-2007)

www.myspace.com/willhaven43

autoren: att, coney | 23.03.2007
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