Interview mit War From A Harlots Mouth
E-Mail Interview mit Simon von War From A Harlots Mouth im August 2007 Dieser Stylo-Auflauf und die Balzrituale in den ganzen Discos und dieses Abgepose überall ist mir echt zu anstrengend.
War from A Harlots Mouth Dosenmusik: Fangen wir mal locker an, wie haben sich die Jungs um "War From A Harlots Mouth" kennen gelernt? Wie schnell wurde dann der Entschluss gefasst eine Band zu gründen?
Simon: Unser Drummer Paul und ich kennen uns schon recht lange. Wir beide haben mit ehemaligen Bands von uns ab und an zusammen gespielt. Das muss so um 2003 herum gewesen sein. Damals hatten wir schon gemeinsame Ideen für ein Projekt, wurden aber lange nicht konkret. Als ich dann Steffen kennen gelernt habe, drängte er mich mehr oder weniger dazu, zusammen was zu starten, haha. Ich hatte auch Bock drauf, wir fingen an und kurz darauf stieß Paul dann zu uns.
Wir nahmen ja so dann schon die Split auf und rekrutierten dann mit den Aufnahmen Filip und Daniel, die wir auch von ihren Bands kannten.
Dosenmusik: Wie kam eigentlich der Name zustande?
Simon: Das war eine fixe Idee von mir. Es ist eine sehr geschwollene Form des einfachen Hintergrund-Gedankens, dass eine Person lügt.
Dosenmusik: Für jemanden der euch noch nie gehört hat, wie würdet ihr eure Musik beschreiben?
Simon: Als extrem und experimentell. Ich denke, das sind zwei große Faktoren, die unsere Musik ausmachen.
Dosenmusik: Ihr habt in einem anderen Interview gesagt, Ihr wollt mit "Transmetropolitan" das härteste abliefern was ihr bisher gemacht habt. Wie zufrieden seid ihr mit eurem Album im Bezug auf den Härtegrad, geht da noch mehr?
Simon: Nun ja... das war nicht sooo wahnsinnig ernst gemeint, haha. Schließlich haben wir noch gar kein anderes Album aufgenommen, also ist "Transmetropolitan" automatisch und unumgänglich unser "härtestes" Album. ;)
Aber um das mal etwas ernsthafter aufzugreifen: Es war eigentlich nicht unser Ziel, ein möglichst hartes Album abzuliefern. Das wäre auch irgendwie ein sinnloses Ziel. Wir wollten gerne ein gutes Album abliefern und ich hoffe, dass das mit "Transmetropolitan" gelungen ist. Wir sind jedenfalls alle zufrieden mit der Scheibe und gespannt auf die Reaktionen.
Dosenmusik: Bei euren Songs macht ihr sehr oft einen Abstecher in den Bereich des Jazz. Ist Jazz für euch eine große Quelle der Inspiration?
Simon: Das kann man so sagen! Jazz / Free Jazz bietet eine Menge Inspiration, besonders für Musik wie wir sie machen. Die "Bitches Brew Sessions" von Miles Davis z.B. haben so zerfahrene und verschachtelte Strukturen... da findet man definitiv Parallelen zu dem, was wir so machen.
Dosenmusik: Fasst doch mal euer Album inhaltlich und musikalisch zusammen. Was wollt ihr vermitteln und worauf seid ihr besonders stolz bei diesem Album?
Simon: Inhaltlich ist der Schwerpunkt auf das Sozialleben und die Gegensätzlichkeiten in großen Städten bezogen, außerdem wird hier und da die immer unwichtigere Individualität oder das stereotype Subkulturen-Leben aufgegriffen. Das kann mal banaler und persönlicher werden, aber auch globaler. Das liegt ab und an im Auge des Betrachters, hier und da ist das Thema aber auch sehr klar und deutlich. Da muss dann nicht mehr viel interpretiert werden.
Musikalisch lässt sich das Ganze für mich schwer zusammenfassen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es schon einen roten Faden gibt, der aber genug Spielraum hat. Dieser Spielraum ist für uns auch sehr wichtig... die Freiheiten beim schreiben von Songs. Wir können ja eigentlich machen, was wir wollen, haha!
Besonders stolz sind wir denke ich vor allem auf das Gesamtergebnis. Dass das Artwork Hand in Hand mit dem Inhalt geht und der Sound so ist, wie man ihn sich nur wünschen kann.
Dosenmusik: Mit "Trife Life" habt ihr ja ein Stück auf dem neuen Album, welches man schon eher auf einer Hip Hop Platte wieder finden könnte. Ist das als eine Hommage an den jazzigen Hip Hop zu verstehen?
Simon: Ganz richtig. Wir sind große Fans von jazzigem Hip Hop. Gang Starr und Jazzmatazz sind gute Beispiele für das, was wir aus diesem Genre sehr mögen. Ebenso alte Common Sense-Sachen und so weiter. Ich würde sogar sagen, Gang Starr ist das Meistgehörte bei uns im Van auf Tour.
Dosenmusik: Genial ist auch das Maschinengewehr in "If You Want To Blame Us For Something Wrong, Please Abuse This Song!". Wahrscheinlich ein Hieb Richtung Medienlandschaft, die "Metalmusik" immer mit Gewalttaten in Verbindung bringen will?
Simon: Unter anderem, ja. Es ist auch als ein Hieb in Richtung aller Doppelmoralisten zu verstehen. Es wird sicherlich Leute geben, die das auf Teufel komm raus auf ihre eigene, verschrobene Art und Weise "interpretieren" werden. Vielleicht, um sich besser zu fühlen. Jeder, der ein bisschen aufmerksam dahinter blickt, wird feststellen das wir weder militaristisch noch Gewalt verherrlichend sind. Aber der Titel spricht ja eigentlich Bände... wer es dann nicht kapiert...
Dosenmusik: Trotz der oft sehr komplexen und heftigen Songs, bindet ihr immer wieder Melodien ein die einem im Ohr bleiben. Wie wichtig ist euch die Abwechslung bei eurer Musik? Findet ihr auch, dass man die Grenzen verschiedener Musikrichtungen übertreten muss um heute musikalisch noch wahrgenommen zu werden?
Simon: Wir sind privat an so viel unterschiedlicher Musik interessiert, dass es eigentlich fast unmöglich wäre, nicht ein paar Sachen zu verschmelzen. Wenn wir einfach lupenreinen Death Metal oder was auch immer spielen "müssten", würden mir die Füße einschlafen. Es macht einfach Spaß zu experimentieren… und da kommt man oft nicht daran vorbei, sich an mehreren Genres zu orientieren und die Eigenschaften dieses Genres dann für sich zu nutzen.
Es gibt auch heute noch Bands, die einfach ihr Ding durchziehen und damit begeistern können, ohne irgendwelche Genregrenzen großartig überschreiten zu müssen und auch das ist eine Kunst für sich. Für mich ist eine Sache viel wichtiger, um musikalisch wahrgenommen zu werden: Identität. Das ist aber nicht unbedingt allgemeingültig, wenn man sich so in der Musiklandschaft umsieht, haha!
Dosenmusik: Eine abschießende Frage zum neuem Album, wer war für das Albumcover zuständig?
Simon: Der Mann macht das unter dem Namen BastiBasti. Vielleicht klingelt es da ja schon bei dem einen oder anderen! ;)
Dosenmusik: Hat euer Albumname etwas mit dem gleichnamigen Comic "Transmetropolitan" von Warren Ellis zu tun? Wie ich finde einer der geilsten zynischen Charaktere der Comicwelt.
Simon: Da gebe ich dir Recht! Ich habe diesen Comic vor Jahren mal für mich entdeckt und bin auch absolut verzückt von dem Charakter. Wir wollten einen Albumtitel, der mit dem Thema Großstadt verbunden ist und da habe ich diesen Titel einfach vorgeschlagen und allen hat er gefallen. Auch inhaltlich passt dieser Comic ein bisschen zu meiner Sicht auf Berlin z.B., auch wenn diese Stadt natürlich nicht ganz so überdreht ist wie in dem Comic.
Dosenmusik: Wie können wir uns das entstehen eines Song bei euch vorstellen? Die meisten sind ja, obwohl sie sehr kurz sein können, extrem abwechslungsreich.
Simon: Meistens sammeln wir einzeln Ideen zu Hause, spielen damit im Proberaum herum und ergänzen sie. Manchmal geht das ganz schnell, der Titeltrack ist z.B. aus einem Riff entstanden, und zwar in einer einzigen Probe.
Andere Songs, wie "How to disconnect..." haben eine bewegte Vergangenheit hinter sich, haha! Dieser Song hat eine sehr große Wandlung durchgemacht. Er war bei weitem nicht so kompakt, wie jetzt.
Dosenmusik: Was inspiriert euch zu euren Songs? Filme, andere Musik, persönliche Erlebnisse oder sitzt ihr im Proberaum und denkt euch irgendwas aus?
Simon: Nun ja... auf textlicher Ebene natürlich viele persönliche Erfahrungen, die man im Alltag und im Privatleben macht. Oder Sachen, die man in seinem Umfeld beobachten kann. Wie die Leute miteinander umgehen, was für Konsequenzen das hat und so weiter.
Rein musikalisch inspiriert uns eigentlich alles, was wir mögen. Die meisten Ideen entstehen aber doch spontan aus Kleinigkeiten heraus. Wir arbeiten da einfach wirklich viel im Proberaum zusammen und formen manchmal die kleinsten Bröckchen aus, um daraus einen Song zu machen.
Dosenmusik: In der heutigen Zeit muss diese Frage immer wieder gestellt werden. Wie wichtig ist MySpace für kleinere oder bisher noch unbekannte Bands. Findet ihr, dass man dadurch einfacher an Plattenlabel herantreten kann, oder ist Myspace überlaufen von Bands die schlechte Musik machen?
Simon: Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Es gibt natürlich haufenweise miserable Bands auf MySpace, weil jeder der ne Gitarre halten und das mit nem Tischmikro aufnehmen, den Kram auch hochladen kann. Das ist einfach und nicht mal mehr besonders arbeitsaufwändig.
Uns hat ja MySpace auch ein gutes Stück nach vorne gebracht, da brauch man garnicht drumherum zu reden. Der Knackpunkt ist einfach, da raus zu kommen und die ganze Sache auf die Bühnen zu kriegen. Um aber Veranstalter oder Label auf sich aufmerksam zu machen, ist es sicherlich ein gutes Tool. Wie gut das bei der Vielzahl von Bands noch zu nutzen ist, ist denke ich ein bisschen eine Frage von Glück und Zufall, aber natürlich auch von Arbeit, die man da rein steckt.
Dosenmusik: Es steht ja jetzt ne große Tour an, unter anderem werdet ihr in England, Schweden, Österreich und natürlich Deutschland spielen. Seid ihr aufgeregt oder nervös was da so auf euch zukommen wird, oder nehmt ihr es mit Berliner Gelassenheit?
Simon: Wir sind grad heute von unserer WFAHM Summaaargh Tour wiedergekommen. Das war ne knappe Woche UK, eine Belgien-Show und der Rest fand in Schland statt, unter anderem auf dem Summer Breeze. Letztes war wirklich Neuland für uns und dementsprechend waren wir auch etwas aufgeregter, als vielleicht sonst. Verrückt machen tun wir uns allerdings nicht. Wir haben halt Bock zu spielen und das wiegt mehr, als Ehrfurcht.
Dosenmusik: Wie hat euch damals die Berliner Szene aufgenommen, mit eurer doch sehr heftigen Musik? Wo kann man eigentlich in Berlin weggehen, bisher kenn ich nur den Knaack Club, her mit den Insider-Szene-Tipps.
Simon: Die Berliner Szene im breiteren Sinne hat uns erst mit diesem gewissen MySpace-Hype wahrgenommen. Das gilt jetzt nicht für die Leute, die immer auf den ganzen HC / Metal Underground-Shows herumrennen. Da kennt man sich und da spricht sich so was auch rum. Aber sonst hat das ewig gedauert, bis hier so richtig was passiert ist. Da waren die Resonanzen aus anderen Teilen der Erde doch deutlich ausgeprägter.
Ansonsten bin ich, was das Clubleben in Berlin angeht genau der falsche Ansprechpartner, weil ich das überhaupt nicht leiden kann, hahaha! Dieser Stylo-Auflauf und die Balzrituale in den ganzen Discos und dieses Abgepose überall ist mir echt zu anstrengend. Da werd ich nicht warm mit. Aber wenn's unbedingt sein muss und man hier Party machen will, geht das im Magnet sicher auch ganz gut mit dem Feiern, sehen und gesehen werden.
Was Konzerte angeht kann ich besonders das Cassiopeia empfehlen. Da sind immer coole Shows und die Preise sind sehr tragbar. Was aber insgesamt diese Club- und Party-Kultur angeht: Lasst mich damit in Ruhe, hahaha! ;)
Dosenmusik: Famous Last Words.
Simon: Danke dir fürs Interview! Und danke an alle, die uns unterstützen. Ich hoffe, man trifft sich auf unseren Shows!


Steffen - vocals
Simon - guitars
Daniel - guitars
Filip - bass
Paule - drums

www.myspace.com/warfromaharlotsmouth

autor: CUBTB 23.08.2007
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