Interview mit Underoath
Interview mit Aaron am 06.11.2006 in Neu Isenburg Unsere Freundschaft litt unter der langen Zeit, die wir miteinander verbracht haben.
Underoath wir treffen aaron gillespie, drummer und sänger von underoath, vor dem auftritt seiner band in der hugenottenhalle in neu-isenburg, eine von vielen shows der taste of chaos tour 2006.

dosenmusik (joe): ihr wart unter dem banner von "taste of chaos" schon in vielen ländern. was hältst du von diesen auf mehrere länder ausgedehnten festival-tourneen?
aaron: ich denke es ist eine gute sache. zum einen können die leute mehrere ihrer lieblingsbands auf einmal sehen und zum anderen erhalten kleinere bands auf diese weise die chance, sich dem internationalen markt vorzustellen. für beide seiten gibt es nur vorteile. für die beteiligten bands ist es natürlich eine große sache, so viele länder in so kurzer zeit zu besuchen. es ist immer wieder faszinierend, welche unterschiede, auch in details, es da so gibt. nimm zum beispielt england. wir sind dort aufgetreten, ich habe ein paar wochen dort verbracht, englisch ist natürlich die muttersprache, genau wie meine, aber denkst du, ich verstehe ein wort von dem, was die leute da sagen!? britisches englisch!? unglaublich!
dosenmusik (joe): england und die usa sind ja immerhin verschiedene länder auf 2 kontinenten. dass es da unterschiede in ein und derselben sprache gibt, sollte nachvollziehbar sein. aber auch innerhalb der länder selbst ist das normal. oder glaubst du, in den usa versteht der anzugträger aus dem westen den bauern aus dem süden? oder auch in deutschland, verschiedene dialekte in jeder region.
aaron: sicher ist das normal, aber das macht es einem nicht leichter.

müde und erschöpft von den letzten wochen liegt aaron auf einem sofa und rekapituliert die vergangenen monate - eine achterbahnfahrt mit vielen highlights und einigen tiefpunkten, wie z.b. die absage der restlichen shows der warped tour 2006 und die angeblichen differenzen mit dem nofx frontmann fat mike.

aaron: es war einfach zuviel. wir waren so lange im studio und auf tour, wir brauchten eine pause. es kam der punkt, an dem wir alle dachten, wenn wir uns nicht etwas zeit nehmen für andere dinge, dann könnten die probleme erst richtig anfangen.
dosenmusik (simon): also lag es an internen schwierigkeiten?
aaron: ja, unsere freundschaft litt unter der langen zeit, die wir miteinander verbracht haben. so etwas passiert und man darf sich da nicht reinsteigern. aber man muss die situation erkennen und logische schlüsse daraus ziehen. es ging nicht um geld und nicht um kreative gegensätze innerhalb der band. es war schlicht und einfach die zeit, der druck, der stress - damals kam alles zusammen und die absage der restlichen termine der warped tour war die einzige möglichkeit, wie wir uns selbst etwas freiraum schaffen konnten.
dosenmusik (simon): fat mike hat da überhaupt keine rolle gespielt?
aaron: nein, hat er nicht. fat mike ist ein alter mann, der seit ewigkeiten leute verarscht. das ist sein ding, das macht ihn erst zu fat mike. wenn ihm das spaß macht und wenn er auf diese weise mit manchen menschen umgehen will, dann ist das seine entscheidung und die muss man akzeptieren, gerade wenn man sich in seinem umfeld bewegt. ich mag ihn ja auch eigentlich, er ist nicht mein problem und wir tragen ihm da überhaupt nichts nach.

bis zu einem slot auf der warped tour war es ein langer weg. underoath wurde 1998 gegründet. in den vergangenen jahren stand die band aufgrund interner schwierigkeiten und einiger besetzungswechsel mehrmals vor der auflösung. doch ende des jahres 2003 reformierte sich die band, nach innen und nach aussen bekam underoath ein komplett neues gesicht.

dosenmusik (simon): als underoath ende der 90er gegründet wurde, hatte eure religion, euer christlicher glaube, einen großer anteil an der charakterisierung der band. wie ist es jetzt, einige jahre später und nach den vielen besetzungswechseln? ist es schwer, diese basis zu erhalten?
aaron: deswegen sind wir heute hier. deswegen sind wir eine band. unser christlicher glaube ist der grund für alles, was wir als band machen. es geht nicht um organisierte religion. wir glauben nicht daran, vor der ehe in getrennten betten zu schlafen oder während des abendessens keinen wein zu trinken. darum geht es uns nicht. klar sind andere menschen auch davon überzeugt und das ist natürlich vollkommen in ordnung, aber unser glaube basiert auf der tatsache, das jesus christus für unsere sünden am kreuz gestorben ist und 3 tage danach auferstanden ist. das sind wir und das waren wir schon immer.
dosenmusik (joe): es gab also niemals einen streit innerhalb der band, der mit eurer religion zu tun hatte?
aaron: nein, den gab es nicht. wir sind da alle der gleichen meinung, eine eingeschworene einheit sozusagen. für immer.
dosenmusik (simon): ist es manchmal schwer für euch vor menschen aufzutreten, von denen man mehr oder weniger ausgehen kann, dass sie euren glauben nicht teilen?
aaron: wir bewegen uns nicht in diesen christlichen kreisen und wir haben bisher auch noch bei keiner christlichen tour mitgemacht. das wird auch so bleiben. wir kennen es also garnicht anders. wir stehen nicht auf der bühne und bilden uns urteile über unser publikum. ich bin der meinung, dass jeder selbst zu seiner überzeugung gelangen muss und dass man so etwas zwar beeinflussen kann, aber nicht beeinflussen sollte. jedem das seine. ich stell mich nicht vor irgendwelche leute und sage ihnen, sie sind arschlöcher, weil sie nicht meinen glauben teilen. das widerum macht ja dann mich zu einem ignoranten arschloch. ich stelle mich vor diese leute und sage ihnen, dass ich gern hören würde, an was sie glauben. wenn es nicht mit meiner überzeugung übereinstimmt, dann ist das ok. das wollen wir vermitteln. so gibt und verdient man sich respekt.

viele menschen zeigten ihren respekt gegenüber der arbeit von underoath bereits im sommer 2006, als in den usa in der ersten woche nach veröffentlichung ihr aktuelles album "define the great line" fast 100.000 mal über die ladentische ging und so auf platz 2 der billboard-charts debüttierte. nach den angesprochenen querelen innerhalb der band und dem langen weg zur formung einer neuen einheit, ein mehr als befriedigendes Gefühl für alle, die daran beteiligt waren.

aaron: fast 100.000 platten! das ist schon ein wahnsinnsgefühl! man kann nur von sowas träumen und wenn es dann tatsächlich passiert, verblasst selbst der traum neben dieser realität zu einem nichts.
dosenmusik (simon): was hat dich dazu getrieben, immer weiterzumachen und die band trotz dieser probleme nicht aufzugeben? warst du nie an dem punkt, alles hinzuschmeissen und komplett von vorne etwas neues zu beginnen?
aaron: daran habe ich nie gedacht. ich lebe für musik und ich war immer der überzeugung, dass underoath einen weg finden werden. gott hat mich hierher gebracht, um das zu tun und wenn ich etwas anderes anderes machen würde, dann wäre auch das teil meines weges. es geht aber immer musik, um nichts anderes.
dosenmusik (joe): und was ist mit anderen dingen, die mit musik zu tun haben? zum beispiel als produzent zu arbeiten?
aaron: daran bin ich nicht interessiert. ich mache musik, ich bin teil des direkten entstehungsprozesses, nicht teil des geschäft hinter der musik. das ist eine seite, die ich mir nicht vorstellen kann. da gibt es zum glück andere leute, die einen guten job machen.

seit einiger zeit und auch auf dieser tour plagte sich aaron häufig mit kopfschmerzen und erschöpfung herum. ein zustand, der ihn belastet, aber nicht einschränkt.

dosenmusik (simon): wir haben mitbekommen, dass du in den letzten wochen etwas mit deiner gesundheit zu kämpfen hattest.
aaron: ja, das ist richtig. wir waren in berlin und ich habe dort einen deutschen arzt besucht. das ist kein vergleich mit den ärzten, die ich den usa kenne. er war sehr fähig, sprach alles gründlich mit mir durch und konnte mir letztlich mehr helfen, als irgendein arzt vorher. ich hatte bisher auf dieser tour immer wieder mit krankheiten zu tun. manchmal habe ich echt keine ahnung, was mit mir los ist. meinem kopf geht es jetzt besser, aber ich bin ständig erschöpft und ausgelaugt. 12 stunden schlafen, das ist eigentlich ziemlich viel, dann wieder 12 stunden auf den beinen, aber ich bin immer müde. dann immer wieder die gleiche frage, egal ich ob schon lange wach oder gerade erst aufgestanden bin - wo bin ich überhaupt!? es ist jeden tag das gleiche.
dosenmusik (joe): wie sehr schränkt dich dieser zustand auf der bühne ein?
aaron: es geht. wir sind hier, um zu spielen. die leute haben bezahlt, um uns und die anderen bands zu sehen und da ist es nur fair, wenn man sich zusammenreisst und auf die bühne geht. ich meine, es ist ja nicht so, als wäre ich nicht in der lage aufzutreten, meine drums zu spielen und meine vocals zu singen. wenn es erstmal soweit ist, geht das schon, nur bin ich eben davor und natürlich danach ziemlich am ende. aber es war schon schlimmer, also denke ich, dass es weiter aufwärts geht. immerhin läuft diese tour noch eine weile. im januar gehts dann mit "the almost" auf tour und im frühjahr gehts wieder weiter mit underoath.

zurück zu taste of chaos und zum heutigen abend. aaron gibt einen ausblick auf den auftritt von underoath und erzählt von befreundeten bands und über den grund seiner früh etablierten überzeugung, dass underoath erfolgreich sein werden.

dosenmusik (simon): wie lange wird euer auftritt heute abend sein?
aaron: jede band hat 30 minuten spielzeit, taking back sunday bis zu 45 minuten. es sind zwar eher kurze shows und nicht die beste lösung für die leute, die wegen einer oder zwei bands hergekommen sind, aber es ist bei einer tour dieser art leider die einzige lösung, dass sich alle beteiligten bands auch fair behandelt fühlen. so 45 minuten bis zu einer stunde spiele ich normalerweise schon gern, aber um ehrlich zu sein, bin ich wegen meiner gesundheit nicht allzu enttäuscht, dass es im moment etwas weniger ist. wir haben hier auch keinen soundcheck, weil zeitlich alles so eng geplant ist.
dosenmusik (simon): wie setzt sich euer set zusammen? spielt ihr einen querschnitt durch eure alben oder beschränkt ihr euch auf die letzten beiden?
aaron: die setlist ist von show zu show unterschiedlich, aber wir spielen größtenteils nur songs von "they're only chasing safety" und natürlich von "define the great line". vielleicht gibt es auch das ein oder andere instrumentale stück zwischendrin. grundsätzlich bleibt bei einer solchen festival-tour und einer halben stunde spielzeit nicht sehr viel freiraum für eine show mit songs, die unsere gesamte bandbreite widerspiegeln.
dosenmusik (simon): ein tattoo an deinem arm fällt mir gerade auf. was genau steht da?
aaron: "fall in love and hold nothing back"
dosenmusik (simon): hast du das in einem deiner songs benutzt?
aaron: nein, es stammt von einem guten freund, aaron marsh, er singt bei der band copeland. ich habe es aus einem seiner songs.
dosenmusik (simon): copeland sind nicht ganz so meine musik.
aaron: was hörst du denn gern?
dosenmusik (simon): aktuell höre ich bands wie norma jean recht häufig.
aaron: die neue norma jean ist großartig, oder!? so verdammt gut! die musik, die lyrics, die produktion, einfach alles.
dosenmusik (joe): mein lieblingsalbum von diesem jahr ist "a city by the light divided" von thursday.
aaron: schade, dass die nicht mehr bei taste of chaos dabei sind. in england waren sie zusammen mit taking back sunday für einige shows headliner. hier fehlen sie mir. diese jungs gehören ohne zweifel zu den coolsten typen, die ich jemals kennenlernen durfte. "full collapse" gehört für mich persönlich zu einer dieser platten, die ein leben verändern.
dosenmusik (joe): dem kann ich nur zustimmen.
aaron: für den song "understanding (in a car crash)" haben sie selbst ein video gedreht und es wurde sehr häufig auf den musiksendern ausgestrahlt. es war kein tolles video, aber es bekam airplay. das hat uns allen irgendwie hoffnung gegeben. wenn eine band so etwas schaffen kann, aus eigenem antrieb und mit eigenen mitteln, dann sind auch wir in der lage, das zu schaffen. warum nicht!?
dosenmusik (simon): habt ihr es dann so ähnlich gemacht mit dem video zu "when the sun sleeps"?
aaron: nein, es sieht zwar billig aus, aber dahinter stand unser label. das war video war echt schlecht! das lag schon eine weile hinter uns, bevor wir dann "understanding (in a car crash)" gesehen und uns diese gedanken gemacht haben. und so kam es dann, auf einmal waren unsere videos auch überall zu sehen und unsere musik überall zu hören, genauso wie andere bands der entsprechenden genres.

das schlägt die brücke zu einer unterhaltung über mainstream und trends. schließlich mussten sich underoath nach ihrer reformierung und dem darauf folgenden longplayer "they're only chasing safety" mit vorwürfen zu ihrer neuen und zu diesem zeitpunkt ziemlich populären musikalischen ausrichtung auseinandersetzen.

dosenmusik (joe): du hast den mainstream gerade mehr oder weniger selbst angesprochen. eine frage hierzu - wie kam es zu eurem stilwandel im jahr 2003? eure musik und euer look schien sich damals dem heute immer noch recht angesagten emo/core genre anzubiedern.
aaron: es ist eine oft gebrauchte floskel, aber sie passt - es war ein natürlicher prozess, nicht eine absichtlich vollzogene entwicklung. und es ging so weiter. "define the great line" ist auch wieder ein völlig anderes album geworden als unsere früheren veröffentlichungen.
dosenmusik (joe): diese trends aus den usa erreichen andere länder immer erst mit etwas verspätung. von daher kann man diese vorwürfe auch nicht verallgemeinern.
aaron: wenn ich auf tour bin und die länder und menschen miteinander vergleiche, fällt mir auf, dass es überall eine gewisse verspätung für die trends aus den usa gibt. hier in deutschland hab ich den eindruck, es dauert ungefähr ein jahr bis ein trend den mainstream erreicht. viele laufen herum in den gleichen klamotten, alles schwarz und pink, mit totenköpfen und kleinen schleifen. in amerika geht alles wieder zurück zur sogenannten normalität. beispielsweise trägt meine verlobte wieder hellere sachen, zieht stiefel an und benutzt altmodische schals, als wären wir wieder in den 40er jahren. und sie war vor 1-2 jahren noch genauso wie die mädchen es jetzt hier sind. seltsame zeiten. tim hat diesen riesigen bart und trägt seit 2 wochen dasselbe t-shirt. das ist seine art sich gegen trends und diese vorwürfe zu stellen. oder sich einem neuen trend anzupassen, dem "dirty-trend", wer weiß das schon!? alles bewegt sich so schnell.
dosenmusik (simon): dinge verändern sich. nichts bleibt so wie es ist.
aaron: ja, so sagt man.

und so beschließt sich das gespräch mit aaron gillespie. seine erschöpfung war ihm beim folgenden auftritt, wie er angekündigt hatte, nicht anzumerken. auch wenn die songauswahl der band einige wünsche des publikums offen ließ, so überzeugten underoath mit ihrer energie und spielfreude. das ist sicherlich grund genug, sich auf eine headliner-tour von underoath zu freuen, wenn die band dann die gesamte bandbreite ihrer mittlerweile über 7-jährigen schaffensphase präsentieren kann.


Aaron Gillespie - Drums/Vocals
Tim McTague - Guitar
Chris Dudley - Keyboards
Grant Brandell - Bass
James Smith - Guitar
Spencer Chamberlain - Vocals

www.underoath777.com

autoren: Coney & Zoolander | 06.11.2006
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