Interview mit The Black Halos
E-Mail Interview mit The Black Halos am 15.09.2005 Ist der Rock'N'Roll tot?
The Black Halos In Zeiten, in denen der gute alte Rock'N'Roll immer zahnloser wird und modebewusste Girlies in H&M Filialen Guns'N'Roses- Shirts kaufen, fällt es dementsprechend schwer, sich weiterhin für diese Musikrichtung zu begeistern. Zu verwässert, zu beliebig, zu aufgebläht wirken die Posen und das Rockstargehabe, mal abgesehen davon, dass schon lange keine Rockscheibe mehr wirklich Spaß gemacht hat. Dann kommt eine Band von einer längeren Pause zurück, die zwar die Rockklischees lebt, gleichzeitig aber einen schwarzen Humor pflegt, der zeigt: bei allem Hang zur Selbstzerstörung, den dunklen Seiten und der Liebe zum Rock: die Jungs nehmen sich selber nicht ernster als nötig und wollen schlichtweg nur rocken.

Im Rahmen der Wiederkehr der Black Halos und der ersten Veröffentlichung der Band seit zirka 4 Jahren, hatten wir im September 2005 die Möglichkeit, uns mit dem Gitarristen Adam Becvare per Mail zu unterhalten.

Dosenmusik: Zuallererst würde ich gerne wissen, was Du denkst. Ist der Rock'N'Roll tot?
Adam: Der Rock'N'Roll lebt. Es ist das Rockbusiness, das tot ist, weil es Möchtegernbands zusammenbastelt, die es kontrollieren und den Kids als Rebellion verkaufen kann.
Dosenmusik: Wenn ich nicht ganz falsch liege, kommt Ihr aus Vancouver in Kanada. Wie steht's um die Musik-Szene dort? Die einzigen kanadischen Bands, von denen ich je gehört habe sind DOA, Propagandhi, nomeansno und die Hanson Brothers.
Adam: Ich komme aus Chicago. Die Black Halos kommen aus Kanada. Ich habe erfahren, dass die Regierung dort verdammt stolz auf die lokalen Künstler ist und Mittel zur Verfügung stellt, beispielsweise Zuschüsse und solchen Kram, damit die Bands erfolgreich sein können. Meine Touren mit den Halos durch Kanada haben diesen Eindruck bestätigt.
Dosenmusik: Als ich das Internet nach Informationen über Euch durchstöbert habe, habe ich gelesen, dass Ihr nun schon ne ganze Weile im Geschäft seid. Was hat Euch dazu gebracht, neue Sachen zu veröffentlichen, nach ungefähr 4 Jahren ohne irgendwelche Veröffentlichungen?
Adam: Die Black Halos haben sich aufgelöst, als Songwriter und Gründungsgitarrist Rich Jones die Halos verlassen hat, um sich der Band AMEN anzuschließen. Unglücklicherweise waren die Black Halos nicht daran interessiert, sich zu reformieren, außer die Chemie zwischen den alten und neuen Mitgliedern würde wirklich stimmen. Und das ist der Punkt, an dem wir nun angelangt sind.
Dosenmusik: Wenn Leute an Rock'N'Roll denken, haben sie das Klischee von Sex und Drogen im Kopf. Leute, die mit AC/DC aufwachen, die Cornflakes mit Whiskey runterspülen, die Schwester ihrer Freundin vernaschen und nachts irgendwo auf einem Fußboden in Ohnmacht fallen. Was denkst Du darüber und was verbindest Du persönlich mit Rock'N'Roll?
Adam: Für mich ist Rock'N'Roll der Moment, wenn Du auf der Bühne stehst und in einem Raum voller Fremder Songs spielst, die direkt aus Deinem Herzen kommen. Gnadenlos Deine Hoffnungen, Ängste und Träume anderen für deren Genuss zur Schau zu stellen. Es ist eine Art Exorzismus, der Deine Dämonen austreibt. Und dabei sind Drogen und Sex oft hilfreich.
Dosenmusik: Was hältst Du von konservativen Bewegungen innerhalb der Untergrundmusikszene? Beschäftigt Dich das oder konzentrierst Du Dich hauptsächlich auf die Musik?
Adam: Ich bin nicht allzu vertraut mit irgendwelchen konservativen Bewegungen. Eigentlich sehe ich eher eine Menge uninformierten Protest, bei dem Tausende von einer Handvoll Egoisten gesteuert werden, die ihre Emotionen ausnutzen, die Logik wird da nicht benutzt. Idealismus ist einfach nichts für mich. Mein Mantra besteht darin, sich an dem, was wir haben, zu erfreuen, eben so lange wir es noch haben, denn es wird ziemlich bald alles weg sein. Beide Seiten, die Konservativen und die Liberalen sind für mich haargenau gleich. Sie fressen die Schwachen und verkaufen ihnen einen Traum, nicht die Realität.
Dosenmusik: Weil es den Rock'N'Roll nun ja schon eine ganze Weile gibt: was denkst Du von neuen Bands, die versuchen, alten Rock N Roll nachzumachen? Schätzt Du Leute, die eigene Bands gründen und versuchen, etwas zu tun, anstatt nur drüber zu meckern, dass das Zeugs, was im Radio gespielt wird, sie zum Kotzen bringt?
Adam: Ich denke, Leute sollten öfter die Art von Musik machen, die sie hören wollen. Aber es scheint so, dass fast jeder in der Lage dazu ist, eine Band zu gründen und uns mit seiner eigenen Vorstellung von dem, was gut ist, zu quälen Zwinker.
Dosenmusik: Was bedeutet es für Dich, Teil einer Band, insbesondere der Black Halos zu sein? Ich erinnere mich an die Biographien auf Euerer Website. Die beinhalten die Frage, was jedes Bandmitglied machen würde, wenn sie nicht ein Teil dieser Band wären. Scheint ziemlich ironisch zu sein. Ihr nehmt Euch selber nicht allzu ernst, oder?
Adam: Die Band ist wie ein Haufen Brüder. Wir haben alle einen sehr dunklen, aber prahlerischen Humor an uns. Die Fähigkeit, zu lachen zeigt für mich wahre Zuversicht. Wir sind aber todernst, wenn wir auf die Bühne gehen... oder vielleicht doch nicht? Billy Hopeless (Anm.: Sänger der Black Halos) ist ein fleischgewordener Cartoon. Wir wollen, dass jeder seinen Spaß hat und sich mal locker machen kann, aber manchmal sind die Leute eingeschüchtert. Wir lassen uns dabei von unseren Herzen und Instinkten führen.
Dosenmusik: Was beeinflusst Euere Musik am meisten? Über was schreibt ihr so und wie fangen die Black Halos an, wenn sie einen neuen Song schreiben?
Adam: Wie vorhin schon erwähnt, ich schreibe Songs, wie ich sie gerne von einer anderen Band hören würde. Normalerweise ist es also Stagnation oder Langeweile, die mich dabei antreibt, einen neuen Song fertig zu kriegen. Niemand weiss, was Billy dazu bringt, das zu schreiben, was er schreibt... nicht mal Billy. In Wirklichkeit höhlt er einfach sein Unterbewusstsein aus, denken wir zumindest.
Dosenmusik: Euer neues Album, "Alive Without Control" hat mich ziemlich überzeugt. Schön gespielter, rotziger Rock'N'Roll für den andere Bands das Gefühl verloren zu haben scheinen. Seid Ihr zufrieden mit dem Ergebnis, besonders in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Jack Endino?
Adam: Das Album ist das, was Jack schon immer von Tag eins an für die Halos machen wollte, er hat ja auch unsere ersten beiden Alben produziert. Wir sind extrem stolz auf das Album und wie einfach das alles lief. Als ob Du Dir das Handgelenk aufschlitzt und fühlst, wie das warme Blut fließt, während Du langsam auf dem Boden verblutest. Da gab es keine Zweifel und keine Experimente. Wir waren alle fokussiert und bereit, es rauszuhauen und Jack hat es wirklich gemacht. Wir waren auch unter Zeitdruck, was uns nur noch hungriger gemacht hat, es zu schaffen.
Dosenmusik: Das Album selber hat eine nette Atmosphäre, finde ich. Manche Lieder sind ziemlich verzweifelt und düster, am Rande der Selbstzerstörung, während andere danach klingen, als wolltet Ihr Eueren Frust in die Welt hinausschreien. Manchmal kann ich nicht anders, als zu denken, dass ihr zwar sauer auf die Welt seid, aber mit einem Augenzwinkern. Scheisse passiert mal, aber Ihr nehmt das nicht allzu ernst. Oder versteh ich Euch da vollkommen falsch?
Adam: Das isses, ja! Du hast 100% recht. Schön gesagt, danke. Anstatt nur ein paar ROCK SONGS zu schreiben, haben wir ein Album gemacht. Das ist heutzutage ne Rarität, denn es scheint so, als ob jeder mehr damit beschäftigt ist, Dir eins über die Rübe zu ziehen mit jedem Stück oder einen Hit zu schreiben. "Alive Without Control" führt den Hörer durch eine Menge verschiedener Halo-Flure.
Dosenmusik: Ist das Leben auf Tour für Dich gemacht oder tendierst Du dazu, dabei auszubrennen?
Adam: Ich hab Zigeunerblut und mir und bin quasi dafür geboren, unterwegs zu sein. Ich liebe die Straße und ich liebe die Bühne. Dummerweise, wenn Du das so exzessiv wie wir machst, dann lässt Dich Dein Körper im Stich. Jemand muss eine Wunderdroge erfinden, um das zu heilen.
Dosenmusik: Hast Du irgendwelche wichtigen Sachen, die daheim auf Dich warten oder fühlst Du Dich beim Touren daheim? Ich kann mir vorstellen, dass das Leben des Rock'N'Roll Lifestyles und all die Erfahrung mit dem Musikgeschäft seinen Tribut fordert.
Adam: Ich besitze einen unglaublichen Condo (amerikanische Mietwohnung) in Chicago und die Gegend ist die beste, in der ich je gelebt habe. Ich hab schon in LA, Hollywood, San Francisco, Oakland, Phoenix und Manhattan gewohnt. Mein jetziges Zuhause ist bei weitem das Beste, in dem ich je gelebt habe und ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen, trotzdem verbring ich meine ganze Zeit auf Tour. Wenn mich Leute besuchen, können sie nicht glauben, wie schön es ist oder wieso ich überhaupt weggehe. Ich glaube, das beantwortet Deine Frage. Egal, wie viel wichtige Dinge warten, zu denen ich zurückkommen kann, die Straße und der Rock N Roll können mich immer noch ganz leicht weglocken.
Dosenmusik: Gibt es noch irgendwas, was Erfahrungen betrifft, Die Du gerne mit der Band machen würdest, bevor Du aufhörst?
Adam: Die Halos müssen mal durch Europa und wir alle wollen unbedingt Japan sehen. Ich würde liebend gern durch Russland und andere ungewöhnliche Länder touren. Es gibt eine Menge von der Welt da draußen, und ich will es alles sehen, bevor ich keine Möglichkeit mehr dazu habe. Verarscht Euch nicht selbst, die Zeiten ändern sich schnell. Lebt für das Heute und erfreut Euch an dem, was Ihr habt, so lange Ihr könnt. Lasst Euch dabei von den Black Halos helfen.
Dosenmusik: Wir sind nun fast am Ende des Interviews. Wenn Du noch ein wenig Zeit hast, würde ich gern ein kurzes Assoziationsspiel mit Dir machen. Ich werf ein Wort in den Raum und Du sagst einfach, in einem Wort oder einem Satz, was Dir spontan in den Kopf kommt, wenn Du das hörst, okay?
Dosenmusik: AC/DC
Adam: Bon Scott
Dosenmusik: Canada
Adam: Hockey
Dosenmusik: Schweden
Adam: Wo zur Hölle ist das Klo?
Dosenmusik: Girls
Adam: Girls, Girls, Girls, Girls, Girls, Girls, Girls, Girls... überall, wo ich hinschaue, schein ich sie zu sehen.
Dosenmusik: Posen
Adam: Ein Poser ist für mich jemand, der vorgibt, das zu fühlen, was er macht, bei dem Versuch, cool zu sein.
Dosenmusik: Iggy Pop
Adam: Mit Andy McCoy Instinct Tour... BRILLIANT!
Dosenmusik: Deutsches Bier
Adam: Jedes Dorf denkt, dass es das beste Bier braut.
Dosenmusik: Die 70er
Adam: Sind nicht so cool, wie jeder denkt, dass sie waren. Ich musste sie schon einmal durchleben.
Dosenmusik: Danke für das Interview. Ich wünsch Dir das Beste für die nächsten Jahre mit der Band!
Adam: Vielen Dank für das Interesse und die Komplimente. Das waren großartige Fragen und wir rechnen damit, Dich bald auf ner Show zu sehen. Verbreite die Botschaft!

Billy Hopeless - Vocals
Jay Millette - Guitar
Rob Zgaljic - Drums
Adam Becvare- Guitar
Denyss McKnight - Bass, Vocals

www.blackhalos.net

Autor: Born Toulouse | 15.09.2005
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