Interview mit Porcupine Tree
Interview mit Steven Wilson vom 23.06.2007 auf dem Southside Festival Ein dummer, leidenschaftlicher Workaholic
Porcupine Tree Dosenmusik: wart ihr gestern auf dem hurricane oder werdet ihr morgen dort spielen?
Steven: das ist morgen.
Dosenmusik: also hast du eine idee, was ihr morgen vielleicht anders machen werdet im vergleich zu heute?
Steven: wir waren heute sehr zufrieden mit dem auftritt. wir haben ja auch schon einige festivals hinter uns dieses jahr. wir sind gerade auf so einer art festival-tour.
Dosenmusik: ihr habt im april in england gespielt, dann in den usa im mai, jetzt spielt ihr gerade auf den festivals und ihr werdet im juni und juli eine komplette europa-tour abfeiern. habt ihr bei so einer langen zeit auf den verschiedenen bühnen nicht irgendwann mal das problem mit müdigkeit oder langeweile?
Steven: es passiert immer wieder, dass wir krank werden, uns eine erkältung einfangen oder so. ich erhole mich gerade von einer erkältung, um ehrlich zu sein. letzte woche gings mir garnicht gut. bei uns gibt es im verlauf einer langen tour einige ruhephasen - eine woche hier, ein paar tage da - so haben wir die möglichkeit, unsere batterien wieder aufzuladen.
Dosenmusik: ihr tretet in einer woche in offenbach auf. wie unterscheidet sich ein festival-set von einem headliner auftritt bei eurer eigenen tour?
Steven: nun, auf jeden fall die spielzeit. auf den festivals spielen wir ca. 45 min, auf unserer tour aber 2 stunden. wir haben eine große multimedia-show. es ist alles komplett unterschiedlich.
Dosenmusik: ich muss zugeben, dass ich euch in eurer knapp 20-jährigen präsenz nur sporadisch wahrgenommen habe...
Steven:...wir sind ungefähr seit 1994 in der musikgeschichte unterwegs, aber ich selbst bin musiker seit ich 10 jahre alt bin.
Dosenmusik: da konnte ich mir noch nicht mal meine schuhe alleine zubinden.
Steven: (lacht) ok, damals war ich ja auch noch nicht so gut wie heute.
Dosenmusik: zur frage - als du mit musik machen angefangen hast, was war damals deine vorstellung von dir und deinem leben heute?
Steven: also ich wußte immer, dass ich musik machen wollte, nur konnte ich ja niemals wissen, dass so etwas daraus werden wird. ich meine wer kann so etwas schon vorausahnen!? ich wußte nur, dass ich mit musik mein leben gestalten will. über die zukunft haben ich mir nie explizit gedanken gemacht. es gibt leute, die haben tatsächlich die vorstellung, ein star zu werden oder sogar zu sein, aber so bin ich nicht. ich wollte immer nur irgendwann eine platte machen und sie in meinen händen halten. ganz egal, ob sie anderen menschen gefällt. ich wollte sie in meinen händen halten und sagen: "das ist meine platte. die hab ich gemacht." das war meine ambition. aber als ich dies erreicht hatte, habe ich mir natürlich neue ziele gesteckt. dann wollte ich, dass andere meine musik hören und auch kaufen. immer wenn man ein ziel erreicht hat, macht man sich auf die suche nach einem neuem horizont. aber trotzdem hatte ich nie das ziel, ein star zu werden oder in der größten rockband der welt zu sein. ich hatte immer nur den wunsch, alben aufzunehmen und mit meiner musik vor publikum aufzutreten. ich bin verliebt in diese romantik, die dieser sache innewohnt - songs schreiben, musik aufnehmen, platten veröffentlichen, konzerte spielen - das hat sich nie geändert.
Dosenmusik: nach so vielen jahren im business verlieren manche bands und künstler ihre wurzeln. was sind deine wurzeln? was war deine inspiration? nicht mit 10 jahren, sondern als du anfingst, professionell musik zu machen.
Steven: ich war begeistert von den konzeptalben der großen rockbands wie led zepellin, pink floyd und the electric light orchestra. songs, die eine komplette vinyl-seite eingenommen haben. große konzeptionelle projekte zu komponieren und musikalisch umzusetzen, war immer mein wunsch. so sind auch unsere liveshows aufgebaut - als ein umfassendes konzept. auf unserer tour spielen wir das gesamte aktuelle album "fear of a blank planet".
Dosenmusik: der song "anesthetize" auf diesem album markiert ja auch wieder eine art rückbesinnung auf diese epischen tracks, von denen du sprichst.
Steven: den spielen wir sogar auf den festivals. es ist ja auch mehr wie ein song, in dem 4 oder 5 nahezu eigenständige songs drin stecken. ich finde, dass die medien total unterschätzen, dass die jungen leute fähig sind, auch solche musik zu hören und zu verstehen. bands wie the mars volta, tool, opeth und isis verkaufen auch eine menge alben, aber im radio und im fersehen hört und sieht man immer nur die leicht verdaulichen und mtv-freundlichen 3-4 minuten songs und vergißt dabei, wozu junge leute imstande sind.
Dosenmusik: du selbst hörst auch isis?
steven: oh, ja! ich bin ein großer fan von isis.
Dosenmusik: vor diesem interview mit dir haben sie gerade auf der bühne direkt hinter uns gespielt.
Steven: und wie waren sie auf einer großen festival bühne? ich weiß nur, dass sie dich in einem kleinen club einfach wegblasen.
Dosenmusik: es war fantastisch! bis jetzt einer der besten shows hier. nochmal zu eurem aktuellen album. wir waren die aufgaben beim songwriting und den aufnahmen verteilt?
Steven: für mich ist es sehr wichtig, die kontrolle über alles zu haben. porcupine tree war am anfang mein eigenes soloprojekt. die ganze philosophie dahinter entspricht meinen ideen. den anderen bandmitgliedern fällt es sehr schwer, songs zu schreiben, die zu porcupine tree passen. das songwriting ist meine sache, die anderen greifen dann bei den arrangements und in der produktion mit ein. ich kann manche bands nicht verstehen, die sich zu viert oder zu fünft in ein tonstudio verziehen, um gemeinsam songs zu schreiben und aufzunehmen. ich finde dahinter sollte eine zentrale vision stehen. fast alle bands, die ich mag - the who, the led - haben diese philosophie. ich weiß einfach nicht, wie man es anders machen kann.
Dosenmusik: ihr seid bei roadrunner records, allgemein bekannt als ein label für metal und hardcore bands, unter vertrag.
Steven: das stimmt und auch dass sie bekannt sind für metal. aber ihre größte band ist nickelback. und ist das metal?
Dosenmusik: nein, bestimmt nicht!
Steven: sie haben auch noch die dresden dolls, die new york dolls und andere post rock bands. aber grundsätzlich hast du recht. ich denke, was mich am meisten an roadrunner überzeugt hat, ist die tatsache, dass sie bands aus dem underground in den mainstream bringen können. welche anderen labels können das? es gibt viele indie labels mit einigen angesagten bands, aber wenn eine band an den punkt kommt, wo der nächste schritt mainstream bedeutet, dann haben diese labels nicht die ressourcen, um diesen nächsten schritt auch zu verwirklichen, wie es roadrunner schaffen. darüber hinaus haben wir ja auch einige fans aus dem metal bereich.
Dosenmusik: in einem anderen interview habe ich gelesen, dass teile eurer aktuellen platte auf brett easton ellis roman "lunar park" basieren, in dem kinder und jugendliche absichtlich verschwinden, um ihren eltern und dem lebensstil zu entfliehen. wie passt das zu dem titel eures albums und den songlyrics?
Steven: brett easton ellis ist mein lieblingsautor über die sogenannte "blank generation". sie sind gelangweilt, ficken alles, nehmen drogen, trinken bis zur bewusstlosigkeit. der schlüssel für mich ist neugierde. der tot der neugierde. wenn kinder alles haben können, in so einem jungen alter, woher kommt dann die neugierde, um sich weiterzubilden und neue dinge zu erfahren? als ich jung war, wollte ich immer wissen, was hinter dem mainstream ist und heutzutage habe ich große angst vor dieser abstumpfung und der gleichgültigkeit, wie alles aufgenommen wird. kinder sind zu mehr fähig, als ihnen vermittelt wird. gebt ihnen eine chance! man muss experimentieren und ihnen alles facetten des lebens, der kultur und auch der musik nahebringen.
Dosenmusik: kennst du den film "ken park" von larry clark? deine erklärung passt exakt zu der thematik des films.
Steven: die kids aus diesem film sind genau die kids, an die ich dachte, als ich "fear of a blank planet" geschrieben habe.
Dosenmusik: gibt es aktuelle musiker oder bands, die dich ansprechen?
Steven: ich bin ein großer trent reznor fan.
Dosenmusik: ich habe eine trent reznor story! vor 2 monaten habe ich ihn live gesehen. es war eine rock show und der einzige entspannte song war "hurt". mitten im song hört er auf zu spielen und zu singen, weil eine handvoll leute reinrufen. danach ist er kurz von der bühne gegangen.
Steven: wow! das ist witzig, kennst du die story von roger waters und "the wall"? er war immer entnervt von den leuten, die in den songs mitsangen. an einem punkt auf der tour war er so sauer, dass er von der bühne ging, nach vorne in die erste reihe der zuschauer. da war ein fan, der ihn angeschrien hat - aber aus purer freude an der musik und seiner aufregung. er hat ihm ins gesicht gespuckt und hat das konzert nicht mehr fortgesetzt. das alles ging genau gegen das konzept von "the wall" - das errichten einer mauer zwischen publikum und band. das ist die ironie. ich finde aber, dass man differenzieren muss. wir haben letzte woche mit den smashing punpkins gespielt und die leute sind ausgerastet und haben nur noch rumgebrüllt. irgendwann ist da auch eine grenze erreicht und ein song wie "hurt", der sehr persönlich ist, verlangt nach einer passenden situation. aber von beiden seiten - publikum und band.
Dosenmusik: das ist ein ganz schmaler grat zwischen professionalität und emotionalität...
Steven:...und ein faschistischer idiot zu sein, ich weiß. er wurde diesbezüglich auch schon kritisiert. aber ich bewundere ihn trotzdem. trent reznor und meshuggah - kennst du meshuggah?
Dosenmusik: ja, natürlich. eine großartige, virtuaose band.
Steven: also nine inch nails und meshuggah waren in den vergangenen 5 jahren meine größte musikalische inspiration. und eine schwedische band namens godjira, wie das japanische wort für godzilla.
Dosenmusik: arbeitest du zurzeit noch mit deinen nebenprojekten no-man und blackfield?
Steven: blackfield haben ein neues album vor der veröffentlichung und hoffentlich können wir dieses jahr noch auf tour gehen. no-man ist inaktiv. irgendwann ist es ja auch mal genug. aber ich komme gern immer wieder zurück.
Dosenmusik: was wird in der nächsten zeit passieren?
Steven: dieses jahr steht ganz im zeichen von porcupine tree. nächstes jahr möchte ich endlich das album machen, was schon seit einigen jahren geplant ist - mit michael von opeth und mike von dream theater. und vielleicht mach ich sogar mein erstes soloalbum. kannst du dir das vorstellen?
Dosenmusik: du bist ein workaholic. oder heißt es leidenschaftlich?
Steven: (lacht) dummheit ist auch noch eine passende beschreibung.

Porcupine Tree
Steven Wilson - Vocals, Gitarre
Richard Barbieri - Keyboard, Synthesizer
Colin Edwin - Bass
Gavin Harrison - Drums

www.porcupinetree.com

Autor: coney | 30.09.2007
Dosenmusik : der neue Shop
dosenmusik at Facebook Follow dosenmusik on Twitter RSS Feed
cd-empfehlungen
Asking Alexandria - From Death to Destiny I Is Another - I Is Another
Five Finger Death Punch - The Wrong Side Of Heaven and The Righteous Side Of Hell Alice in Chains - The Devil Put Dinosaurs Here
Heaven Shall Burn - Veto Le Fly - Grüß Dich Doch Erstmal!