Interview mit Phoenix
Interview mit Gitarrist Christian Mazzalai am 06.11.2006 im Cocoon Club in Frankfurt am Main Über Tim Renner, Indie-Mucke und Weltverbesserungstheorien
Phoenix Cocoon Club Frankfurt, Montagnachmittag am 6. November. Während im Club wild aufgebaut wird, hängt ein Teil von Phoenix vor dem Internet ab, die anderen Jungs sind gar nicht zu sehen. Schließlich kommt Gitarrist Christian Mazzalai und wir verziehen uns in ein halbwegs ruhiges Eckchen. Nun denn, viele Fragen zum Songwriting und den Texten konnte ich also gleich mal über den Haufen schmeißen - dafür ist nämlich Sänger Thomas allein zuständig. Leider war Christian auch der beste Beweis dafür, dass langes Touren und viele Interviews müde machen. Aber Höflichkeit kann man ihm dennoch nicht abstreiten.

Dosenmusik: Um euer aktuelles Album aufzunehmen, seid ihr freiwillig nach Berling umgezogen. Warum habt ihr euch gerade Deutschlands Hauptstadt ausgesucht und nicht London, New York oder eine andere hippe Stadt?
Christian: Wir haben unser erstes Album in Paris, genauer gesagt in Versailles aufgenommen und unser Zweites in unserem Keller daheim. Wir wollten diesmal in der besten europäischen Hauptstadt sein - und das war Berlin für uns. Ganz offensichtlich.
Dosenmusik: Warum?
Christian: Warum es die Beste ist? Weil ich denke, dass Berlin einzigartig ist, weil es brandneu ist. Es ist eine Stadt im Umbruch. Und die Stadt gehört den Jugendlichen - das Gegenteil von Paris. Wir brauchten das, weil wir alle Regeln brechen wollten. Wir brauchten einfach frische Luft. Und in Berlin gab es die für uns.
Dosenmusik: Dann empfehle ich euch Dublin für euer nächstes Album. Da leben scheinbar keine alten Leute, nur Junge.
Christian: Wirklich?
Dosenmusik: Ja. Aber weiter: Welche Eigenschaften von uns Deutschen, die ihr in den vier Monaten entdeckt habt, findest du bewundernswert und was verstehst du ganz und gar nicht?
Christian: Die Deutschen? Das ist schwer zu sagen. Was wir in Deutschland lieben, ist, dass die Deutschen sehr offen sind - und gleichzeitig sind sie wirklich deutsch. Es ist sehr exotisch für uns. Zur gleichen Zeit ist Deutschland ein Land, das offen ist für andere Kulturen. Es ist eine coole Balance zwischen den Beiden.
Dosenmusik: Und was verstehst du an uns überhaupt nicht?
Christian: (denkt lange nach) Ah, ihr nehmt eure Autos zu wichtig! Ein Auto ist ein Nichts.
Dosenmusik: Aber würdest du dein Auto nicht auch lieben, wenn du z.B. einen Mini Cooper hättest?
Christian: Nein, nein. Es gibt da einen Song von den Buzzcocks, "I hate fast cars". Ich bin wie der Song.
Dosenmusik: Nun gut, zurück zur Musik. In den letzten Jahren sind recht viele deutschsprachig singende Bands hier entstanden und auch ziemlich beliebt geworden. Gilt das Gleiche für Frankreich, die Rückkehr zu Musik, die in der Muttersprache gesungen ist?
Christian: Nein, Frankreich war schon immer so. Es ist ein sehr patriotisches Land. Es ist eher jetzt das Gegenteil. Wir sind quasi die erste richtige Band, die in Englisch singt. Und nun gibt es immer mehr Kids, die das Gleiche tun.
Dosenmusik: Obwohl wir Nachbarn sind, bekommen wir hier in Deutschland von französischer Musik fast nichts mit. Ist es dasselbe in Frankreich, mit unseren deutschen Künstlern? Was denkst du, sind die Gründe dafür?
Christian: Ich weiß nicht. Ja, es stimmt, dass die Franzosen keine deutschen Künstler kennen - abgesehen von den Scorpions, die kein wirklich gutes Beispiel sind.
Dosenmusik: (lachend) Nein, ganz und gar nicht...
Christian: Sie kennen keine deutsche Musik. Aber es gibt sehr gute deutsche Bands, wie z.B. NEU! in den frühen Siebzigern. Ich glaube, sie sind aus Düsseldorf. Kennst du NEU! nicht?
Dosenmusik: Nein.
Christian: Du solltest NEU! kennen. Sie sind eine großartige deutsche Band. Jaaa, es gibt wirklich gute Bands, aber in Frankreich kennt man sie nicht. Ich schäme mich für Frankreich (lacht). Aber du kennst diese Bands ja auch nicht!
Dosenmusik: Ich schäme mich auch. Vielleicht sollten wir ein paar Platten austauschen...
Christian: Sollten wir vielleicht...
Dosenmusik: Euer Umzug nach Berlin scheint ja auch einen musikalischen Neuanfang zu symbolisieren. Ihr habt quasi die Strokes-Gitarren entdeckt. Was genau hat euch an eurem alten Stil nicht mehr gefallen?
Christian: Was uns nicht gefallen hat? Alles. Wenn wir einen neuen Song oder ein neues Album aufnehmen, müssen wir alles zerstören, was wir davor getan haben. Ich weiß nicht warum, aber wir müssen das tun. Sonst wird uns langweilig und übel. Darum versuchen wir, immer neue Dinge zu entdecken. Wir haben beim letzten Album so ziemlich das Gegenteil getan. Für das zweite Album waren wir zwei Jahre im Studio. Wir haben uns ein Jahr Zeit gelassen, um einen Song zu schreiben. Für dieses waren wir gerade mal drei Monate im Studio, weit weg von daheim in Berlin. Es gab keine Songs. Alles ging superschnell, wir schrieben alles in ungefähr einem Monat. Die Gefahr ist ein guter Freund, um einen Song zu schreiben.
Dosenmusik: Wollt ihr auf eurem nächsten Album dann an einem ähnlichen Musikstil festhalten oder heißt es: zurück zu den Wurzeln?
Christian: Das wissen wir noch nicht. Das sind Dinge, die man nicht wirklich voraussagen kann. Es muss für uns mysteriös bleiben.
Dosenmusik: Habt ihr schon so etwas wie einen Zeitplan, wann ihr anfangen werdet, am neuen Album zu arbeiten?
Christian: Das machen wir gerade fest. Wir werden darüber sehr bald nachdenken.
Dosenmusik: Was für einen Effekt hat euer neuer Stil für eure Live-Auftritte? Habt ihr irgendwelche Überraschungen parat?
Christian: Ich hoffe, du wirst überrascht sein. Überraschung ist ein Schlüsselelement in unserer Show. Wir lieben es, Songs zu entwickeln und ihnen so neues Leben zu geben. Das wechselt fast jede Woche, wenn wir live spielen. Viele Veränderungen. Wir lieben es, sogar uns selbst zu überraschen, meinen Bruder an der anderen Gitarre zum Beispiel. Wir versuchen immer Chaos hervorzurufen, damit etwas passieren kann.
Dosenmusik: Habt ihr schon einen Plan, was heute beim Konzert passieren wird?
Christian: Ich werde es dir nicht erzählen. Sonst wäre es keine Überraschung.
Dosenmusik: Das stimmt. Thomas' Freundin Sofia Coppola hat schon einmal einen eurer Songs, Too Young, in ihrem Film "Lost in Translation" benutzt. Jetzt ist gerade ihr neuer Streifen "Marie Antoinette" in den deutschen Kinos angelaufen. Habt ihr sie nicht vielleicht gefragt, ob sie einen der Songs von "It's never been like" auf dem Soundtrack benutzen könnte? Das wäre doch eine ganz nette Promotion gewesen...
Christian: Wir wollen keine Promotion. Wir sind stolz darauf, dass unsere Musik in "Lost in Translation" vorkommt. - Aber wir haben eine kleine Szene, jetzt in "Marie Antoinette". Wir spielen in dem Film Musiker und haben einen Song nur für die Königin, Marie Antoinette, geschrieben. Wir spielen dann auch diesen Song für die Königin.
Dosenmusik: Ich muss mir den Film anschauen. Aber der Song ist nicht auf dem Film-Soundtrack?
Christian: Nein. Den gibt's nur im Film zu hören.
Dosenmusik: Ich habe gelesen, dass ihr die meiste Zeit über eine drum machine benutzt. Habt ihr nie daran gedacht, einen Drummer als fünftes Bandmitglied zu rekrutieren?
Christian: Wir Vier machen Musik seit wir etwa zehn Jahre alt sind. Deshalb ist es zu schwierig, ein richtiges Bandmitglied zu integrieren. Wir haben jetzt unseren Drummer. Er wird immer mit uns spielen. Wir haben auch einen Keyboarder mit auf Tour - ein fantastischer Freund. Aber die Beiden haben auch ihre eigenen Projekte. Es ist mehr wie eine enge Zusammenarbeit.
Dosenmusik: 2006 ist der zehnte Geburtstag der Band Phoenix. Habt ihr den schon gefeiert oder habt ihr das noch vor?
Christian: Vielleicht ist es sogar schon mehr. Wir sind zusammen, seit wir 12 sind, seit 1992. Deshalb ist jeder Tag unser Geburtstag. Wir feiern jeden Tag.
Dosenmusik: Dankeschön.
Christian: Thank you. Dankeschön.

Sprach's - und ging zurück in den großen Saal des Cocoon Club, um weiter Skateboard zu fahren.

Thomas Mars - Gesang
Laurent Brancowitz - Gitarre
Deck D'Arcy - Bass
Christian Mazzalai - Gitarre


www.wearephoenix.com

autor: Martinchen | 06.11.2006
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