Interview mit Of Quiet Walls im August 2007
Interview mit Erik Müller von Of Quiet Walls im August 2007 Unser Einfluss kommt aus den unterschiedlichsten Bereichen - aber Korn ist dann doch nicht in unserer Vorbilderliste zu finden
Of Quiet Walls Dosenmusik: Wer schreibt denn eigentlich eure Pressetexte? Die Leute vom Label? Lest ihr die Texte vor dem Aussand zum Absegnen gegen? Oder wie ist da bei euch der Ablaufprozess?
Erik Müller: Das war eine der wenigen Aufgaben, die wir aus der Hand gegeben haben. Allerdings habe ich da natürlich noch einmal einen Blick drauf geworfen. Da Matze (Village Kids), Bastl (Shark Men) und wir mittlerweile auch ganz gute Kumpels geworden sind, wussten die beiden schon Bescheid, in welche Richtung wir ungefähr denken und haben dementsprechend auch die Texte verfasst.

Dosenmusik: Der Hintergrund ist nämlich, dass man beim Lesen des Textes den Eindruck bekommen könnte, ihr wärt richtig angepisst von "der Szene" selbst. Ist das nur meine Einbildung oder ist da etwas dran?
Erik Müller: Du hast schon ganz richtig das Wort "Szene" in Anführungsstriche gesetzt, so mach ich das auch immer. Das Problem ist meiner Meinung nach, dass alle "Szene" sein wollen, sie wollen nichts verpassen, alle Bands kennen, über alles Bescheid wissen, was aber bekanntlich unmöglich ist. Dabei wird oft vergessen, dass man auch unterschiedliche Geschmäcker haben kann. Und wenn man dann in Millionen von Internetforen, Web 2.0-Auftritten oder sonstigen Informationsquellen nur Beleidigungen und Anschimpfungen liest, dann frag ich mich doch, ob die Leute überhaupt noch an einer gemeinsamen Szene interessiert sind oder ob sie andere Meinungen durch Eigenprofilierung abwerten wollen. Oder gar nichts akzeptieren. Es fehlt letztendlich wohlmöglich an positiver Kommunikation.

Dosenmusik: Bleiben wir beim Nervfaktor. Was geht euch mehr auf die Ketten: das ständige Kategorisieren und Kategorisiert werden oder die ganzen Photoshop-Artworks, wovon ihr euch in beiden Fällen - laut Pressetext - distanzieren wollt? Seid ihr eigentlich Antis?
Erik Müller: Das Schlimme ist wohl eher das sofortige Abwerten beim Hören und Lesen bestimmter Stichwörter. Sei es Metalcore, Old-School, Emocore, Indie oder Chaos, was auch immer. Irgendwie scheint da bei vielen Leuten eine rote Lampe im Kopf zu leuchten, das Gehirn wird direkt abgeschaltet und man hat nur noch die üblichen Vorurteile im Kopf: Metalcore, das ist ohnehin nur eine billige Kopie. Oder bei Elektro: das hören nur Dumme. Furchtbar so was. Insofern sind wir vielleicht doch Anti, also gegen den Musikfaschismus. Aber keine Angst, wir haben nichts gegen Photoshop-Artworks, da gibt es schließlich auch sehr schicke Sachen. Allerdings hat man es in letzter Zeit doch etwas stark mit Totenköpfen, Blut, Tauben und weiß der Fuchs noch was, übertrieben. Von daher waren wir sehr glücklich als Paul uns diesen jetzigen Entwurf geschickt hat. Außerdem hätte gar nicht so viel Blut auf das Cover gepasst, wie wir uns das gewünscht hätten.

Dosenmusik: Was macht ihr eurer Meinung nach dann bewusst anders als andere Bands, um euch von diesen zu distanzieren? Worin unterscheidet sich eure Herangehensweise?
Erik Müller: Naja, sagen wir mal so, jede Band geht an das Songwriting und an Freundschaft anders ran. Sicher sind wir nicht einzigartig, was das angeht und einige Distanzen zu anderen Künstlern sind sehr nahe, aber das ist im Grunde bei allen Musikern ähnlich. Heute kann man doch kaum noch völlige Eigenständigkeit erzielen und komplett neue Wege schaffen. Was wir allerdings von uns behaupten können ist, dass wir mit einem unglaublichen Anspruch an unsere eigene Musik gehen, was sich allerdings auch nicht selten sehr kontraproduktiv auswirkt. Um ein Lied Bühnenreif zu schreiben, brauchen wir schon mal vier bis sechs Monate, da auch ständig parallel an allen alten Songs gebastelt wird und neue Ideen verworfen werden. Das Problem entsteht, weil wir keine wirklichen Songstrukturen haben, also völlig auf Strophe und Refrain verzichten. So entstehen verschiedene Parts, die erst mal zum endgültigen Puzzle zusammengefügt werden müssen. Eine Probe pro Woche reicht da nicht aus. Die verschiedenen Instrumente und Gesangslinien werden dann auf das Grundgerüst aufbauend von jedem einzeln zu Hause erarbeitet und später im Proberaum diskutiert und zusammengefügt. Ob es andere Bands gibt, die genau so umständlich rangehen ... keine Ahnung.

Dosenmusik: Es ist weiterhin die Rede davon, dass es schwer möglich ist eine vergleichbare Band in Deutschland zu finden, die ähnlich klingt. Zu welchen Bands seht ihr trotzdem musikalisch und/oder inhaltliche Parallelen? Welche Bands haben euch beeinflusst?
Erik Müller: Beeinflusst haben uns auch Bands, die uns nicht gefallen. Dann können wir sagen, so was wollen wir nicht machen. Aber natürlich gibt es Vorbilder, an denen man sich orientiert. Tatsächlich sind die aber bei fast allen unterschiedlich, da wir auch privat unterschiedlichste Musikgeschmäcker haben. Hören unsere Gitarristen beispielsweiße viel Norma Jean oder The Chariot und ich als Sänger zum Beispiel At The Drive In, Tomte oder Refused, dann entsteht bei jedem einzelnen Musiker unserer Band ein anderer Anspruch an sein Spezialgebiet. Von daher treffen unterschiedlichste Elemente aufeinander und am Ende sollte es auf einen guten Mix hinauslaufen. Der Einfluss an sich kommt aus den unterschiedlichsten Bereichen, sei es Indie, Hardcore, Chaos, Metalcore oder was auch immer. Gut und mit Ernst muss die Musik gemacht sein.

Dosenmusik: Außerdem scheint für euch die "Do it yourself"-Einstellung von hohem Stellenwert zu sein. Könnt ihr nicht teilen oder habt ihr Angst die Kontrolle von dem zu verlieren, was um die Band herum alles passiert und euch wohlmöglich jemand reinreden will?
Erik Müller: Warum sollte man jemandem Kontrolle über persönliche Sachen überlassen, wenn man auf dem Weg viel gelernt hat und auch eine Menge an Freunden mit vielen Fähigkeiten gefunden hat? Sicher hätten wir uns einen teuren Produzenten holen können, der dann aber nicht weiß, was wir wollen und wir auch noch viel Geld dafür bezahlen müssen. Deswegen haben wir uns entschieden in der Produktion etwas runterfahren zu müssen, dafür aber viel mehr Of Quiet Walls reinstecken können wie es anders möglich nicht der Fall gewesen wäre. Genauso sehen wir das auch in Merchandise/Booking/Kontakt-Angelegenheiten. Wahrscheinlich hast du sogar Recht und wir haben doch etwas Angst die Kontrolle zu verlieren und am Ende mit etwas dazustehen, was uns nicht gefällt oder ganz oder gar nicht wir selbst sind. Aber momentan ist es gut so wie es läuft und so soll es auch bleiben erstmal.

Dosenmusik: In welchem Zusammenhang steht dazu die Tatsache, dass ihr das komplette Album nochmals als MP3-Datein auf die CD gebrannt habt. Eine Aufforderung an die Leute, die Daten explizit weiterzuschicken?
Erik Müller: Wir wussten anfangs auch nicht, dass die MP3-Dateien direkt auf der CD wiederzufinden sind. Nachdem dann die erste gepresste Platte in meinem Computer lag, fiel mir das erst auf. Aber es ist doch ein schöner Nebeneffekt.

Dosenmusik: Woher kam die Idee dazu? Gerade für kleine Bands ist es doch eher kontraproduktiv, weil die Band doch ohnehin ein Minusgeschäft ist. Da klammert man sich doch eher an jeden noch so müden Euro. Und Village Kids und Shark Men waren davon sicher auch nicht begeistert, oder?
Erik Müller: Abgesehen davon, dass es keine Absicht war, liegt es in unserem Sinne, die Hörer mit der Musik zu erreichen und vielleicht zum Nachdenken anzuregen. Geld verdienen wir damit nicht und werden es wohl auch nie tun. Die Ausgaben sind einfach immer viel zu hoch, von daher verzichten wir lieber auf den einen oder anderen Euro und haben lieber ordentlich Spaß den Konzerten. Was gibt es schöneres als Leute auf einem Gig zu sehen, die deine selber geschriebenen Lieder mitsingen und nach dem Konzert zu dir kommen und sagen: "Hey, war ein cooles Konzert". Und wenn dann noch nach einem gelungenen Auftritt jemand eine Original-CD kauft, ist doch alles bestens, selbst wenn es nur eine pro Konzert wäre, gäbe das einem die Kraft genau diesen Weg weiterzugehen.

Dosenmusik: Ebenso als Zusatzmaterial gibt es ein ziemlich gut gemachtes Video, mit teils tollen Kameraeinstellungen. Liegt das Video dabei, um den Leuten zu zeigen, wie eine Liveshow bei euch aussieht?
Erik Müller: Kurz und knapp: so ist es. Ich denke wir haben live eine zusätzliche Energie, die wir niemals auf Platte rüberbringen könnten. Aber das soll der Konzertbesucher für sich selber entscheiden.

Dosenmusik: Laut Pressetext war das größte Problem eurer EP, dass ihr diese Intensität der Liveshows einfangen und auf die Platte pressen wolltet. Ist euch das in vollster Zufriedenheit gelungen?
Erik Müller: Eher nicht. Das ist auch unmöglich. Die Produktion könnte noch so dick ausfallen und es würde wohl nie ein Livekonzert ersetzen. Bei keiner Band. Allerdings gibt es da eine nette Episode zu dem Thema: Als damals der Produzent Ross Robinson mit At The Drive-In zu dem Meilenstein "Relationship Of Command" im Studio stand, hat man die kompletten ersten Aufnahmen verworfen, weil er meinte, das seid nicht ihr, das wäre lahm. Er hat den Jungs geraten sich frei zu fühlen, wie auf der Bühne, sie sollten tanzen zu den Aufnahmen. Das zweite Ergebnis hat solch eine Intensität, wie ich sie kaum ein anderes Mal gehört habe. Vielleicht sollten wir auch so an die nächste Aufnahme rangehen, um ein Stück des Auftritts in die Lieder zu bekommen.

Dosenmusik: Wo wir gerade bei den Aufnahmen sind: Besonders auffällig ist der ziemlich dick aufgetragene Sound, der in "Hey Jack you lost reality" mit dem wummernden und brummenden Bass seinen Höhepunkt erreicht. Ist Reginald "Fieldy" Arvizu von Korn da euer Vorbild gewesen?
Erik Müller: Eher nicht. Wir haben an dieser Stelle versucht diesen einen Ton unglaublich intensiv zu gestalten. Nach locker einem Monat des Tüftelns haben wir uns dann dafür entschieden. Das ist natürlich noch nicht ausgereift, aber das gibt uns den Ansporn es zu verbessern. Aus den gemachten Fehlern lernen und sie verändern oder verbessern eben. Aber Korn ist dann doch nicht in unserer Vorbilderliste zu finden.

Dosenmusik: Im Gegenzug sind die Elektronikspielereien dafür sehr verhalten und reduziert arrangiert. Was nehmt ihr euch für das kommende Album an Weiterentwicklung vor? Was wollt ihr ausbauen oder verbessern?
Erik Müller: Eric, unser Mann für elektronische Sachen, ist auch später zur Band gestoßen. Auf die Aufnahmen hatte er noch keinen Einfluss. Da sieht man mal wieder, wie überrascht die Leute auf einem Konzert dann immer sind: Wo kommt das denn her, das ist doch gar nicht auf der Platte. Tja, bei Of Quiet Walls gibts immer etwas Neues zu entdecken. Ideen sind reichlich viele vorhanden, vor allem weil wir seit den Liedern zu "Dope Disco And The Hetero Elephant" auch schon zwei Jahre weiter Musik gemacht haben. Wir können sagen, dass die neuen Songs sehr viel vertrackter, sphärischer und chaotischer sind, die Texte politischer und noch weniger zwischenmenschlich. Zum ersten Mal soll auch bei den Aufnahmen Elektronik eingesetzt werden. Mehr Chöre sind auch geplant. Es soll einfach alles noch mehr wir selbst sein, mit aller Energie versuchen wenigstens einen kleinen Stein ins Rollen zu bringen. Mit Sicherheit werden wir auch wieder mit unserem guten Freund Steffen Bajorat als Produzenten zusammenarbeiten. Vielleicht haben ja auch die Labels Interesse weiter mit uns zu arbeiten. Wer weiß!? Never change a winning team.


www.ofquietwalls.com

autor: Christoph Schwarze | 22. August 2007
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