Interview mit My Glorious
E-Mail-Interview mit Samuel „Sami“ Fischer von My Glorious, 11. März 2010 „In fünf Jahren sind wir unter der Brücke oder in aller Munde!“
My Glorious Dosenmusik: Gleich zu Beginn möchte ich mich schon einmal dafür bedanken, dass ihr euch die Zeit zur Beantwortung von ein paar Fragen für dosenmusik.de nehmt.
Sami: Sehr gern! Wir sind selbst sehr große Dosen-Fans. Vor allem Cola und Dosenmais.
Dosenmusik: Nachdem ich glaube, dass nur wenige unserer Leser schon einmal von euch gehört haben, solltet ihr vielleicht die Gelegenheit beim Schopfe packen und etwas über euch erzählen: Wer seid ihr, seit wann gibt's euch in dieser Konstellation, woher kennt ihr euch?
Sami: Also wir sind die Band My Glorious und wir sind derzeit in Wien daheim. Ich selbst bin halb Brite und die Zwillinge sind aus Baden bei Wien. Somit sind wir ein Trio – Sami (ich) an Gitarre und Gesang, die Zwillinge Paul und Gregor an Schlagzeug und Bass. Wir spielen schon lange zusammen, aber als My Glorious bereichern wir die Welt seit zwei Jahren. Wir kennen uns aus der relativ beschaulichen Wiener Musikszene und als wir das erste Mal vor fünf oder sechs Jahren für ein Event als Band zusammengewürfelt wurden, haben wir bemerkt, dass es eine Energie zwischen uns gibt, die vielversprechend ist. Tja, und jetzt sind wir hier.
Dosenmusik: Anfang Februar 2010 ist nun nach einer EP mit "Home Is Where The Heart Breaks" euer wirklich empfehlenswertes Debütalbum erschienen. Beim Schreiben meiner Review fiel mir recht bald auf, dass ich mir mit konkreten Vergleich schwer tat - zu unterschiedlich sind die Songs und die darin transportierten Stimmungen, zu eigenständig und charakteristisch wirkt auf mich das Gesamtpaket. Während ihr von euch selbst sagt, ihr würdet "Garage Beat" fabrizieren und man solle sich eure Musik als "Foo Fighters meet Coldplay at Liam Gallagher's house" vorstellen, griff ich abschließend auf Mother Tongue, Far, The Audience und Thrice zur Umschreibung eurer musikalischen Eckpfeiler zurück. Meiner Herzensdame kamen beim Hören wiederum Selig in den Sinn. Allesamt Gruppierungen, die für mich irgendwie "echt" sind. Könnt ihr mit den Vergleichen leben oder schätzt ihr einige der genannten Bands vielleicht sogar selbst?
Sami: Ich kann mit den Vergleichen gut leben, vor allem weil ich – ganz ehrlich – keine einzige der Bands kenne, die du angeführt hast. Mich persönlich stört das aber nicht, weil es nur menschlich ist, zu vergleichen und Parallelen zu ziehen. Wir orientieren uns an keinem bestimmten Sound, wir wollen, dass die Musik – und das hast du ganz richtig erkannt – ehrlich ist und aus uns kommt. Dass das unsere Einflüsse irgendwie beinhaltet, ist klar und ganz natürlich. Witzig ist nur, dass die Vergleiche mit denen wir konfrontiert sind, fast nie Bands beinhalten, die wir tatsächlich hören… lustig eigentlich.
Dosenmusik: Ich konnte bislang ausschließlich Reviews finden, die eurem Album wohlwollend bis begeistert begegnen. Ich kann das gut nachvollziehen: Es gibt nicht viele Scheiben, bei denen ich schon nach kurzer Zeit ausnahmslos zu jedem Songtitel Melodien aus dem Stegreif summen oder Textfragmente rezitieren kann. Inwiefern seid ihr denn selbst mit dem Ergebnis zufrieden? Gibt es schon Dinge, die ihr mittlerweile besser oder gerne einfach anders gemacht hättet? Wo seht ihr Unterschiede oder Fortschritte im Vergleich zu eurer EP?
Sami: Also wir haben schon auch ein paar nüchternere Reviews gelesen, was eh auch ok ist. Lustig fand ich zwei, die ich nacheinander gelesen hab. Der erste Reviewer hat gemeint, das Album wäre emotionslos und würde nicht mehr als ein Achselzucken zurücklassen und der zweite schrieb, dass er noch nie ein so emotionales Album gehört hätte und dass einen die Lieder nicht mehr loslassen würden. Tja, so unterschiedlich sind die Auffassungen....wir selbst finden das Album sehr gelungen und es ist definitiv das Beste, was wir zu dem Zeitpunkt produzieren konnten. Sicher, sobald man ein Album abschließt, weiß man schon ein paar Dinge, die besser gehen könnten, aber das ist nur gut so. Wäre man restlos zufrieden, würde man faul werden. Die EP sehe ich eigentlich nicht unbedingt in Verbindung mit dem Album. Es ist ein anderer Sound, der mir persönlich aber auch sehr gut gefällt. Ich ziehe da also wenig Parallelen, für mich stehen beide Veröffentlichungen einfach eigenständig da.
Dosenmusik: Ärgert ihr euch eigentlich, wenn dann irgendwelche Außenstehenden wie ich da ankommen und in ihrer Review Sachen loslassen wie z.B., dass "Horse" eine "weniger tolle Nummer" sei? Gerade, wenn exakt dieses Stück ein Favorit eines Bandmitglieds ist, wie ich einem eurer Youtube-Videos entnehmen durfte…
Sami: Haha, nein überhaupt nicht. Witzigerweise ist auch hier die Auffassung sehr unterschiedlich. Einige Reviewer fanden Horse die Stärke des Albums. Atmosphere ist auch so eine Nummer, wo manche sagen, dass es schwach ist und andere meinen, dass das beste Lied des Albums ist. Die Briten sagen „Take it with a pinch of salt“, was so viel heißt wie, nimm es an und mach dir keinen Kopf. So halte ich es. Ich find’s ja auch gut, dass für jeden was dabei ist und solange alle die CD kaufen und ich steinreich werde, ist mir egal, welche Nummer wem gefällt. Nein, im Ernst, ich kann gut damit leben.
Dosenmusik: Ihr seid auf Twitter aktiv, über Youtube konnte man euch bei der Arbeit am neuen Album über die Schulter schauen und sich einen Eindruck über die Release-Party in Wien verschaffen, auf Myspace gibt's ganze Songs zum Probehören, auf Facebook bringt ihr Updates zu euren Aktivitäten. Habt ihr nur ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis, seht ihr das als einzige Chance an, heute abseits des Massenmarkts auf sich aufmerksam zu machen oder kann man das ganz sentimental unter "Uns ist die Nähe zu unseren Fans sehr wichtig" abhaken?
Sami: Wir suchen Freunde. Haha, nein, uns ist einfach bewusst, dass es Millionen von Bands gibt, darunter sehr viele sehr talentierte und warum sollte man sich gerade mit unserer Musik beschäftigen? Wir wollen, dass jeder, der nur ansatzweise Interesse an uns hat, überall mit Infos versorgt ist und immer genau weiß, was wir wann machen. Es ist doch so – man geht auf ein Konzert oder hört ein Lied von einer Band, es gefällt einem – ein paar Tage später verläuft sich das Interesse aber, weil der Alltag einen wieder einnimmt. Drum ist es uns wichtig so präsent zu sein, damit, wenn der Funke entfacht, es eine Chance gibt, dass ein Feuer daraus erwächst. Nur so gewinnt man Fans, und die sind’s, weshalb man überhaupt Musik macht. Sonst bräuchte man sich das alles nicht antun.
Dosenmusik: Als selbsternannte "hopeless romantics" verweist ihr online auf verschiedene Projekte und Websites mit Benefizcharakter. Inwiefern seht ihr euch da in der Pflicht als Musiker? Textlich bewegt ihr euch ja im Gegensatz dazu eher auf der persönlichen Schiene und macht nicht gerade einen auf Prediger oder bezieht explizit politisch Stellung.
Sami: Stimmt. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir sind keine Prediger oder Missionare oder was auch immer. Gerade der Zustand unserer persönlichen Welt ist dafür verantwortlich, wie wir mit der Welt da draußen umgehen. Wenn man den Song „Break My Heart“ hernimmt, liest man über den Kampf, den wir in der westlichen Welt haben – Leid vs. das abgestumpfte Herz. Es wäre toll, wenn wir immer mitleiden könnten und aus der richtigen Motivation heraus helfen würden, aber in Wahrheit zählt, dass die Hilfe passiert und nicht ob ich die richtigen Gedanken dabei denke. Das Beispiel Haiti... man hat’s ständig in den Medien, man weiß, dass es furchtbar ist, aber dennoch muss man jeden Tag in die Arbeit, muss man einkaufen gehen, sein Leben leben – meine Welt bleibt nicht stehen, nur weil sie in Haiti stehen bleibt. Darum fällt es mir schwer, initiativ zu sein. Die Aktion auf unserer Website - „How To Change The World“ - greift genau das auf und zeigt einen Weg, wie man in wenigen Sekunden ohne viel Aufwand schon einen Unterschied machen kann. Weil wir eben beschäftigt sind, manchmal faul und manchmal in unserem eigenen Leben so verstrickt, dass wir keine Zeit haben, uns Broschüren, Programme usw. reinzuziehen.
Dosenmusik: Wenn ich das richtig interpretiere, läuft bei euch noch so ziemlich alles im DIY-Verfahren ab. Ihr habt keinen richtigen Vertrag, sondern mit G-Records nur ein kleines Label hinter euch, über das ihr per Intergroove in den USA und Europa euer Album vertreiben lasst. Habt ihr die Aufnahmen zu "Home Is Where The Heart Breaks" auch selbst finanziert?
Sami: Ja, wir machen alles selbst. G-Records ist auch nur ein Name, unter dem wir releasen, eben um bessere Vertriebswege zu nutzen. Wir finanzieren alles selbst und wir managen uns selbst. Das ist sehr zeitaufwändig und herausfordernd, aber wir können machen, was wir wollen und das können nicht viele in diesem Biz.
Dosenmusik: Haltet ihr euch mit irgendwelchen Nebenjobs über Wasser oder habt ihr im Lotto gewonnen? Und: Wie kann es bittesehr sein, dass ihr nunmehr schon zum dritten Mal in den USA tourt? Das ist doch sicherlich nicht mal ansatzweise ein Null-Geschäft?!
Sami: Eigentlich sitze ich jetzt gerade in Nashville, TN auf unserer vierten USA-Tour. Gregor und ich sind selbstständig in der Softwareentwicklung einer Versicherung tätig und Paul ist bei der selben Versicherung im Expedit beschäftigt. Die Selbstständigkeit gibt uns viele Freiheiten und macht es für uns einfacher, zu reisen. Unsere Arbeitskollegen und Chefs sind auch sehr unterstützend und das hilft auch sehr. Was ein Null-Geschäft ist, weiß ich eigentlich gar nicht... zumindest hab ich noch keins erlebt. So ist das, wenn man ein Business aufbaut. Man muss investieren. Außerdem – ich kann eh nichts anderes als Musik machen. Wenn ich das nicht mache, steht mir nur mehr eine Karriere als Obdachloser bevor.
Dosenmusik: In Sachen USA muss erwähnt werden, dass ihr Nashville mittlerweile schon als eine Art zweite Heimat für euch bezeichnet. Exakt dort hatte ich euch beim ersten Hören auch verortet und fiel dann ziemlich aus allen Wolken, als da was von Wien zu lesen war. Laut eurer Website gibt es über 150 US-College-Radios, die euch spielen; bei einer ganzen Reihe wart ihr auch in deren Charts vertreten. Wie ernst sind dann Aussagen von euch zu nehmen, dass ihr dorthin auswandern wollt? Seht ihr dort eine echte Chance für euch als Musiker?
Sami: Auswandern können wir uns an sich schon vorstellen, aber im Moment funktioniert es gut so, wie wir’s machen. Wir sind einige Zeit in Wien, von wo aus wir jedes Wochenende nach Deutschland fahren, um dort zu touren und alle paar Monate geht’s dann für ein paar Wochen in die USA, um dort zu sein. Zwischendurch dann mal nach UK oder sonst wohin. Wenn wir das Gefühl hätten, es wäre wichtig woanders hin zu ziehen, dann würden wir’s machen. In Nashville haben wir mittlerweile schon viele Freunde und auch eine Adoptiv-Familie, die uns beherbergt, somit fühlt es sich hier schon sehr wie zuhause an.
Dosenmusik: Wo wir schon bei der Zukunftsperspektive sind: Wo seht ihr euch als Band in fünf oder zehn Jahren?
Sami: Unter der Brücke oder in aller Munde. Zweiteres wäre mir persönlich lieber.
Dosenmusik: Zum Abschluss des Interviews habt ihr noch drei Wünsche in Bezug auf die heutige Musikwelt und My Glorious frei
Sami: 1. Michael Jackson gibt bekannt, dass sein Tod ein Fake war und er doch noch eine Tour macht.
2. Wir eröffnen für U2.
3. U2 eröffnet für uns.
Dosenmusik: Danke für eure Zeit und von meiner Seite noch viel Erfolg; es braucht unbedingt mehr Bands wie euch da draußen!

Samuel „Sami“ Fischer: Gesang, Gitarre
Gregor Sailer: E-Bass
Paul Sailer: Schlagzeug

www.myglorious.com

Autor: der mann aus wü | 15. Juni 2010
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