Interview mit Millencolin
Interview mit Nikola Sarcevic im Schlachthof Wiesbaden am 23.04.08 Musik ist etwas, was man tun kann, anstatt draußen in Cafés zu sitzen und Zigaretten zu rauchen
Millencolin Nikola empfing uns auf dem Gelände des Wiesbadener Schlachthof in punkrock-mäßigen Birkenstock-Sandalen mit Wollsocken. Während des Gesprächs war er sehr freundlich, wirkte jedoch ein wenig müde und abgelenkt von vorbeifahrenden Zügen, Kaninchen und Frisbee-werfenden Merch-Männern. Schließlich erklärte er uns noch, dass sich hauptsächlich Mathias und Erik um die Beantwortung der Interviews kümmern. Umso erfreuter waren wir also, ihm selbst ein paar Fragen stellen zu können.
Dosenmusik: Hallo Nikola, wie geht es dir?
Nikola: Mir geht es gut, danke.
Dosenmusik: Ihr habt schon oft hier im Schlachthof gespielt. Gefällt euch die Location immer noch?
Nikola: Ja, auf jeden Fall. Hier ist ein netter Park. Und Gleise. Es sieht alles etwas schäbig aus, aber das ist egal, ich kenn das ja schon.
Dosenmusik: Ihr habt letzten Monat eine geheime Show in Köln im Underground gespielt. Wie kam es dazu?
Nikola: Ich erinnere mich nur sehr schlecht daran, ist das wirklich erst einen Monat her? Es kommt mir vor wie ein halbes Jahr. Aber wir wurden gefragt, das zu machen, und fanden, dass das ein guter Weg ist, so eine Show als Warm-Up für die richtige Tour zu haben. Es war lustig.
Dosenmusik: Magst du es also auch wieder in kleineren Clubs zu spielen? br> Nikola: Letztes Jahr war ich viel unterwegs mit meinem Soloprojekt. Auf dieser Tour habe ich in wirklich kleinen Clubs gespielt. Es macht auch Spaß, ist aber eben etwas anderes als Festivals oder Hallen. Es ist gut ein bisschen von beiden zu haben.
Dosenmusik: Was war der Auslöser für dich, ein Soloprojekt anzufangen?
Nikola: Ich schreibe Musik. Ich möchte Spaß haben und auch etwas tun, was nicht Millencolin ist. Aber ich mag beides. Ein Grund warum ich das Soloprojekt begonnen habe ist, dass eine Sache auf Dauer einfach langweilig wird . Man braucht etwas Variation. Mit Millencolin wollten wir uns nicht allzu oft wiederholen und deshalb mit jedem Album etwas neues probieren. Aber das ist mir nicht genug, ich brauche auch andere Dinge, kreative Projekte, um zufrieden zu sein. Bei meinen Soloshows ist es egal, wenn nur fünfzig oder hundert Leute vorbeikommen, ich hab ja schließlich noch Millencolin. Und andersrum genauso.
Dosenmusik: Letzten Sonntag habt ihr auf einem Skate Festival in Duisburg gespielt. Skatet ihr bei solchen Anlässen, oder zumindest privat, auch selbst noch?
Nikola: Ja, aber nicht mehr so, wie wir es mal getan haben. Bevor wir Millencolin gestartet haben, war Skateboarding alles in unserem Leben. Dann haben wir Musik gemacht, und sie ersetzte den Teil, den vorher das Skateboarden eingenommen hat. Aber ich skate noch mit meinen Kindern. Natürlich nur langsam, und ich mache nicht mehr so viele Tricks, das ist zu gefährlich.
Dosenmusik: Hattest du oder der Rest der Band schon einen schwereren Unfall beim Skaten?
Nikola: Ich nicht, ein paar Prellungen vielleicht, aber keine richtigen Verletzungen. Aber unser Drummer, der kein Skater ist. Er hat vor zehn Jahren in Australien versucht zu skaten und brach sich dabei das Schlüsselbein. Und das in der Mitte einer Tour. Mathias hat sich glaube ich mal die Hand gebrochen.
Dosenmusik: In den Medien hieß es, ihr würdet eine Pause einlegen. Nur ein halbes Jahr später habt ihr euer neues Album veröffentlicht. Sollte es eine Überraschung werden?
Nikola: Oh, ich wusste gar nicht, dass das gesagt wurde. Es sollte kein Überraschungs-Album werden. Wir waren ziemlich offen mit den Plänen der Band.
Dosenmusik: Wieso habt ihr den Titel "Machine 15" gewählt?
Nikola: In der Zeit fanden wir, dass das ein guter Name ist. Außerdem hat das Album fünfzehn Songs, wir sind seit fünfzehn Jahren zusammen in der Band. Und "Machine" symbolisiert die Band, Millencolin.
Dosenmusik: Ihr klingt auf dem Album sehr viel ruhiger als sonst, setzt sogar Streicher ein. Wie kam es zu dem Wandel?
Nikola: Wir wollten etwas neues machen. Und das waren einfach die Songs, die dabei herauskamen. Unser letztes Album "Kingwood" hatte viele schnelle Punkrock-Songs. Das war so ein Album, mit dem wir auf die ganze Geschichte der Band zurückgeschaut haben. Es war ein Mix von allen möglichen Millencolin Alben. Aber wenn man ein neues Album macht, dann möchte man eine Art Kontrast zu dem vorherigen machen. Vielleicht ist "Machine 15" ein bisschen langsamer, vielleicht ein bisschen mehr Pop. Aber es ist immer noch Millencolin. Wir hatten sehr viele Songs und Ideen für das Album. Zu der Zeit, zu der wir an "Kingwood" gearbeitet haben, war ich nicht sehr kreativ . Diesmal hatte ich jede Menge Ideen und Mathias auch. So hatten wir viel Material, und konnten gute Songs aussuchen.
Dosenmusik: Haben sich die Themen der Texte, die du schreibst, geändert, oder kannst du dich auch noch mit dem identifizieren, worüber die früher gesungen hast?
Nikola: Viele Dinge verändern sich in deinem Leben, teilweise veränderst du dich, hast aber zu verschiedenen Dingen immer noch die gleiche Einstellung. Ich denke man hat eine andere Position wenn man 18 ist, verglichen mit 32. Dann sind andere Dinge für dich interessant, du lebst ein anderes Leben. Deswegen schreibe ich heute auch sicher andere Lyrics als damals. Das neue Album beschreibt eher wer und wo ich als Person jetzt bin.
Dosenmusik: Mittlerweile seid ihr fast alle verheiratet und habt Familien. Habt ihr eure Prioritäten neu geordnet, gibt es für euch jetzt wichtigere Dinge als Musik?
Nikola: Musik ist unser Job. Wir haben keine anderen Jobs, wir sind darauf angewiesen. Und damit müssen wir auch die Familie unterstützen, und Essen auf den Tisch bringen. Wenn man das so sieht, ist Musik vielleicht das Wichtigste. Als wir 18 oder 20 waren war Musik auch wichtig, aber auf eine andere Weise.
Dosenmusik: Was denkst du als Schwede über den skandinavischen Musik-Boom?
Nikola: Es ist gut, dass so viele Leute kreativ sind und Musik machen. Es ist cool.
Dosenmusik: Denkst du, dass es bei euch mehr talentierte Leute gibt?
Nikola: Nein. Aber vielleicht haben wir eine andere Stimmung. Musikmachen ist für uns eine einfache Art um sich auszudrücken. In anderen Ländern geht das eben anders. Vielleicht ist auch das Klima dafür verantwortlich. Bei uns ist es kälter. Musik ist dann etwas, was man tun kann, anstatt draußen in Cafés zu sitzen und Zigaretten zu rauchen. Das können wir nicht, es ist zu kalt.
Dosenmusik: Hast du denn schon einmal darüber nachgedacht, in ein anderes Land zu ziehen?
Nikola: Ja, jeden Winter. Vor ein paar Wochen war ich in Thailand, da gab es in Schweden gerade einen Schneesturm. In Thailand war es 35°C warm. Und da habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich in Schweden wohne. Aber wenn man dann so in der Welt herumzieht, da bemerkt man auch die Vorteile. Ich mag Schweden, ich mag Gothenburg, die Stadt in der ich wohne. Das ist, was uns bekannt ist. Wahrscheinlich ist ist es egal, ob man in Deutschland, Schweden oder Afrika geboren wird, die meisten Leute leben ihr Leben dort, wo sie es kennen. Vielleicht wäre es interessant, mal für eine Weile in einem anderen Land zu leben. Das könnte erfrischend sein.
Dosenmusik: Plant ihr, eine weitere DVD zu veröffentlichen?
Nikola: Das planen wir seit fünf Jahren. Erik kümmert sich darum. Wir haben so viel Material, aber er hat nicht genug Zeit, alles zusammen zu bringen. Irgendwann klappt es hoffentlich.
Dosenmusik: Was für Musik hörst du momentan selbst gerne?
Nikola: Ich mag viele Bands. Momentan höre ich viele weibliche Sänger. Wie zum Beispiel Feist, eine Kanadierin. Und ein schwedisches Mädchen namens Anna Ternheim, sie singt auf Englisch. Sie hat zwei Alben, ich mag ihr erstes Album "Somebody Outside" sehr gerne. In Schweden gibt es viele talentierte Mädchen. Oh sieh mal, da ist ein Hase!
Dosenmusik: Ein Kaninchen!
Nikola: "Kaninchen"? Das ist lustig, auf Schwedisch heißt es "Kanin".

Nikola Sarcevic - Vocals
Erik Ohlsson - Guitar
Mathias Färm - Guitar
Fredrik Larzon - Drums
www.millencolin.com

Autor: panic-at-my-disco | 25.4.08
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