Interview mit Fall Out Boy
Interview mit Bassist und Sänger Pete Wentz im März 2007 in Köln Wir wollen damit eigentlich überhaupt nichts beweisen
Fall Out Boy - Pete Wentz Im März waren Fall Out Boy erneut in Deutschland auf Tour und auch hier hatte Dosenmusik die Möglichkeit, dem Sänger und Bassisten in Rahmen eines Gruppeninterviews einige Fragen zu stellen.

Dosenmusik: Hallo Pete, schön dich hier zu haben. Du hast ja neben deiner Tätigkeit in der Band noch deine eigene Kleidungsmarke Clandestine, dein eigenes Label, du hast ein Buch geschrieben und in einer Fernsehserie mitgespielt. Findest du da überhaupt noch Zeit für dich selbst?
Pete: Hm, ich glaube, ich gehöre zu der Sorte von Leuten, bei denen es besser ist, wenn sie keine Zeit für sich selbst finden, ansonsten gerate ich nur in Schwierigkeiten oder denke zu viel über mich selbst nach. Ich nehme mich regelrecht selbst auseinander. Daher ist es für mich besser immer beschäftigt zu sein.
Dosenmusik: Wenn du eine der Tätigkeiten aufgeben müsstest, welche wäre es?
Pete: Ich würde alles außer Fall Out Boy aufgeben, jederzeit.
Frage: Ihr habt gerade ein neues Album rausgebracht, kannst du mir etwas über die Unterschiede zu dem Vorgänger erzählen?
Pete: Klar. Wir sind nicht eine von den Bands, die etwas rausbringen, das komplett anders ist als ihr altes Album und dann behaupten, das neue Album bringt den Weltfrieden. Das ist ziemlich nervig, da es sich am Ende doch ähnlich anhört. Außerdem versuchen die Meisten auch immer nur das Beste zu wiederholen. Aber ich habe das Gefühl, dass es eine ehrliche Weiterentwicklung im Vergleich zum alten Album gibt, die nicht geplant war, sondern die halt einfach so passiert ist, so wie sie sein sollte. Es war auch nicht, um die Leute von uns zu befremden. Ich denke, es gibt Songs, welche die Leute als "sicher" empfinden werden, und andere, die sich ein bisschen mehr wagen, aber für mich passt es alles zu einem Fall Out Boy Album und man kann sehen, in welche Richtung wir uns weiterentwickeln.
Frage: Würdest du sagen, dass dieses Album kommerzieller ist als das davor?
Pete: Eigentlich nicht. Auf eine merkwürdige Weise vielleicht schon. Ich persönlich finde es weniger kommerziell [als den Vorgänger], aber das liegt daran, dass ich die meisten Texte schreibe und ich das Gefühl habe, dass man sich weniger mit ihnen identifizieren kann. Wir waren nie die Art von Band, die das Niveau ihrer Texte soweit heruntergeschraubt hat, dass sie jeder versteht. Wir haben nur andere Ideale und andere literarische Einflüsse, aber ich finde, dass die Musik an sich, und die Art wie sie von den Leuten aufgenommen wird, dieselbe geblieben ist. Entweder die Leute mögen es oder nicht, aber wir haben nie so sehr über kommerziellen Erfolg nachgedacht. Uns ist es wichtig, intelligente Pop-Musik zu schreiben, da wir das Gefühl haben, dass es momentan nicht so viele Bands gibt, die das tun. Auf der anderen Seite kann sich das natürlich sehr schnell ändern, die Geschmäcker der Leute verändern sich ja auch sehr schnell. Wir sind nur froh, dass wir hier sein dürfen.
Frage: Ihr versucht euch mit eurer neuen Single von dem Musikstil, mit dem euch die Presse verbindet, abzusetzen. Empfindet ihr den Hype um Emocore als störend?
Pete: Darüber denke ich überhaupt nicht nach. Das ist etwas, worüber nur die Presse nachdenkt, und viele Bands regen sich ziemlich auf, wenn man sie als Emo bezeichnet. Mir ist es egal. In jeder Musik Ära gibt es verschiedene Genres und Bands, es gab Metal Grunge und Hair-Metal, und es gibt immer ein paar Bands, welche diese Ären überleben. Hoffentlich sind wir auch eine dieser Bands und wenn nicht.... egal. Es ist mein Job Musik zu schreiben, und der Job von anderen, über diese Musik zu schreiben. Ich bin nicht verbittert, was diese Emo Sache angeht, sie ist mir egal. Ich denke nur, das die Bezeichnung falsch ist, da ich für eine lange Zeit in der amerikanischen Punk-Szene gelebt habe und anfangs nannte man es Emotive-Hardcore, was überhaupt nichts mit dem Wort Emotional zu tun hatte, sondern nur mit Emotive, und es war da, um sich über Bands wie Rites of Spring und Ian MacKaye lustig zu machen. Dann wurde es zu "Emo" verkürzt und von Journalisten verwendet, um anfangs Bands wie Dashboard Confessional zu kategorisieren, danach dann Thursday und mittlerweile Bands wie uns, My Chemical Romance und Panic! At the Disco. Aber ich weiß nicht, ich habe nicht das Gefühl, dass es Bands gibt, die weiter voneinander entfernt sind wie z.B. My Chemical Romance und wir. Wir klingen vollkommen verschieden und haben auch eine vollkommen andere Ästhetik, daher ist es ein sehr bizarres Konzept für mich, aber es ist mir auch egal.
Frage: Ihr habt immer betont, eine Hardcore Band zu sein, aber euer neues Album enthält RnB Elemente und klassische Instrumente wie ein Piano. Wolltet ihr damit beweisen, dass ihr auch anders sein könnt oder damit den Begriff Hardcore erweitern?
Pete: Wir wollen damit nicht beweisen, dass wir anders sind. Wir wollen damit eigentlich überhaupt nichts beweisen. Der erste Grund, warum wir aus der Hardcore Szene in Chicago ausgestiegen sind, war, dass wir genug von den Leuten hatten, die auf der Bühne standen und Sachen wie "Bewegt euch ihr Schwuchtel" gerufen haben. Es ist sehr homophob und einfach nur dumm geworden. Der zweite Grund war, dass wir das Gefühl hatten, dass man nur sehr begrenzten Raum zum Experimentieren hat, was heute anders ist. Aber wenn man damals etwas neues ausprobiert hat, haben sich die Leute dort nur über einen lustig gemacht oder einem einfach nicht den Raum zum Experimentieren gegeben. Dann haben wir in der Punk-Rock Szene gespielt, wo die Leute mehr zugelassen haben, das du tust, was du tun willst, weil sie wesentlich offener sind. Auf diesem Album wollten wir einfach den Rahmen von Fall Out Boy nehmen und ihn erweitern, aber nichts machen, was nicht glaubwürdig für uns wäre, daher gibt es bei allem, was auf dem Album zu hören ist, auch einen Grund, warum es dort ist.
Wenn du dir die ersten Noten auf dem Album anhörst, sind das wahrscheinlich die härtesten Sachen, die du je von uns gehört hast. Wir wollen, dass die Leute wissen, wo wir herkommen und wo unsere Wurzeln sind.
Dosenmusik: Eure Lieder handeln überwiegend von sehr persönlichen Dingen, gab es jemals etwas, dass du im Nachhinein lieber nicht geschrieben und veröffentlicht hättest?
Pete: Ja, auf jeden Fall. Es gibt zwei Lieder, die wir aus diesem Grund nicht live spielen, ich glaube wir haben "I've got a dark alley and a bad idea" noch nie live gespielt, da es einfach zu persönlich ist. "Hum Halleluja" haben wir auch noch nicht live gespielt, es ist gewissermaßen so das "Dark Alley" der erste Teil einer Unterhaltung und Hum Halleluja der zweite. Ich will Hum Halleluja wirklich gerne live spielen, weil ich den Song selbst sehr gern mag, aber die Lyrics sind wieder sehr persönlich, darum müssen wir mal sehen. Die Songs sind wie ein Gespräch miteinander, wir haben "Dark Alley" geschrieben und darauf ist ein Jahr gefolgt, in dem ich in der Öffentlichkeit nicht sagen konnte, was ich sagen wollte, und wenn ich etwas gesagt habe, wurden mir die Worte im Mund umgedreht, und ich habe das Gefühl, dass Hum Halleluja die ehrliche Antwort darauf ist. Und erst wenn sich die Leute beide Lieder anhören, können sie dieses Gespräch überhaupt nachvollziehen.
Frage: Wie sieht es bei euch mit politischen Themen aus? Würdet ihr euch als eine politische Band beschreiben? Pete: Ich würde uns nicht als nach außen hin politische Band bezeichnen. Wir haben aber, glaube ich, alle ähnliche Ansichten. Ich hatte auf dem College drei Jahre lang Politikwissenschaften, ich hatte eine Band mit Tim von Rise Against für zwei, drei Jahre, aber ich glaube nicht, dass die letzten Alben von Fall Out Boy eine politische Aussage haben, sondern viel mehr uns repräsentieren. Green Day haben auf ihrem letzten Album viele Dinge ausgesprochen die viele von uns sagen wollten. Warum sollten wir das also alles noch mal wiederholen? Auf der anderen Seite glaube ich, dass die persönlichen Lieder auch in gewisser Weise politisch sind, etwas, das man vielleicht außerhalb der USA nicht so ganz versteht.
George W. Bush wurde nicht gewählt, weil die Leute dachten, er sei ein Genie, sondern weil er der Typ Mann ist, mit dem man mal ein Bier trinken gehen würde. Und wenn er nur jemand wäre, mit dem man ein Bier trinken geht, wäre er wahrscheinlich auch in Ordnung, aber nicht als derjenige, der das Land regiert. Die Leute ignorieren es, dass diese persönliche Ebene auch beeinflusst, wen man wählt. Warum hast du ihn gewählt, weil du dachtest du könntest mit ihm ein Bier trinken gehen, oder weil du seine Außenpolitik gut findest? Ich glaube kaum, dass jemand das zweite sagen würde.
Frage: Was war die Inspiration zu eurem neuen Video "Thanks for the memories" und den ganzen Affen im Clip?
Pete: Naja, jeder will doch mal mit Affen arbeiten. (lacht) Man wird reich und schafft sich einen Affen an, wie Michael Jackson. Aber ernsthaft, es gibt natürlich eine offensichtliche Anspielung in dem Video, auf die ich jetzt aber nicht zu sehr eingehen möchte, aber die Musikindustrie ist definitiv an dem schlimmsten Punkt angekommen an dem sie je war.
Die Konsumenten werden behandelt wie Feinde, es gibt Bands die ein einziges gutes Lied auf ihrem gesamten Album haben, Bands werden gecastet, Bands schreiben nicht mehr ihre eigene Musik... Es gibt einfach so viele Dinge...niemand kümmert sich mehr um die Kunstwerke, die auf ein Album kommen, die Technologie entwickelt sich schneller als die Musikindustrie sich selbst, wodurch die Technologie allem Jahre voraus ist und die Industrie ständig versuchen muss, am Ball zu bleiben.
Dosenmusik: Mit deinem Label "Fueled by Ramen" bringst du einige wirklich gute und erfolgreiche Bands, wie zum Beispiel "Panic! At the disco", raus. Kommt dir jemals der Gedanke dass eine dieser Bands erfolgreicher werden könnte als Fall Out Boy?
Pete: Ich bin wahrscheinlich die eifersüchtigste Person, die du auf dieser Erde je treffen wirst, also wäre es eine Lüge nein zu sagen. Es hängt sehr stark davon ab, in welcher Phase sich eine Band gerade befindet. Wenn du in unterschiedlichen Phasen bist, kann es passieren, dass eine andere Band erfolgreicher ist als du, sprich, sie bringen gerade eine Platte raus und du bist gerade dabei, eine aufzunehmen. Dann muss man einfach lernen sein Ego zurückzuhalten und wissen, dass es Hochs und Tiefs gibt. Panic! At The Disco waren zum Beispiel auf dem Cover der Rolling Stone bevor wir es waren. Es ist ein Teil dieses Jobs. Aber wir sind in einer Art Gang zusammen, wir sind gute Freunde. Und das ist es, was ich an Rock Musik hasse, diesen erzwungenen Individualismus, das es jedes mal, wenn es gerade für eine andere Band gut läuft oder sie einen guten Song hat heißt, dass es eine Art persönlicher Angriff auf dich ist, und du darauf nicht stolz sein kannst. Alles was wir dann denken ist "wow, sie machen das wirklich gut, sie haben gerade die Messlatte für uns erhöht".
Frage: Ihr seid ja gerade in Deutschland auf Tour, gibt es irgendwelche Unterschiede zu eurem amerikanischen Publikum?
Pete: Ja, es gibt überall riesige Unterschiede. Nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch den Bundesländern. Es kommt wirklich immer darauf an. Viele Leute fragen mich, wie die Show wird, aber wenn wir noch nie in der Stadt waren, muss ich immer antworten, dass ich keine Ahnung habe, da es darauf ankommt, wie das Publikum drauf ist. Einer der größten Unterschiede ist, dass wir nicht gerade viel Deutsch können, und je besser das Publikum Englisch versteht, desto leichter haben wir es und müssen uns nicht wie Idioten auf der Bühne vorkommen. Wir versuchen, ein wenig Deutsch zu lernen, aber unsere Akzente sind furchtbar und wir haben genau die falschen Worte gelernt, was natürlich Mist ist. Das Publikum in Hamburg war der Wahnsinn, einfach überwältigend, die Leute sind ausgerastet, ich weiß nicht, ob sie überhaupt wussten, was wir gesagt haben, aber man konnte sie nicht im Zaum halten. Als wir in Berlin waren hatte ich das Gefühl, dass viele Leute Englisch verstanden haben, während es in München das genaue Gegenteil war, ich hatte das Gefühl, dass uns dort niemand verstanden hat. Köln interessiert mich am meisten, weil es die einzige Stadt in Deutschland ist, in der wir schon einmal gespielt haben. Ich bin sehr gespannt, ob das die Show beeinflusst, ob Leute dabei sind, die uns zum zweiten Mal sehen.
Frage: Als ich heute Mittag hier ankam, haben schon Dutzende vor der Halle gewartet, was hälst du von diesen verrückten Leuten?
Pete: Naja, es gibt Bands, für die ich das auch schon getan habe. Man sollte vor allem die Hingabe der Leute zu schätzen wissen. Wir sind nicht die größte Band in der Welt und haben auch nicht die meisten Fans, aber unsere Fans haben soviel Hingabe, das ist der Wahnsinn. Sie warten draußen, nur um einen Blick zu erhaschen oder einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Es gibt keine Worte, welche die Aufrichtigkeit von so etwas ausdrücken kann. Auf der anderen Seite hofft man natürlich auch, dass niemand friert oder gerade die Schule dafür schwänzt.
Dosenmusik: Welcher eurer Songs würdest du sagen repräsentiert die Band und das, wofür sie steht, am meisten? Pete: Oh man, das ist glaube ich die schwierigste Frage, die du mir stellen konntest. Ich glaube, es gibt keinen Song der die Band repräsentieren könnte, beziehungsweise wir haben ihn noch nicht geschrieben. Wenn ich einen nennen müsste, würde ich vermutlich "Saturday" vom Album "Take this to your Grave" nehmen, aber mehr wegen der Bedeutung, die es für uns über die Jahre bekommen hat, nicht wegen dem Song selbst. Aber ich glaube, wenn wir diesen einen Song heute schreiben würden, könnten wir nach Hause gehen und aufhören. (lacht)
Dosenmusik: An euch scheiden sich die Geister, man hasst euch oder liebt euch, wollt ihr diese Art von Beliebtheit?
Pete: Es ist halt etwas das einfach so passiert. Aber jeder, der so einen Zwiespalt schafft, es zu lieben etwas zu hassen, es zu hassen etwas zu lieben, spürt das in allem was er tut. Und mal ehrlich, wie kann man nach so etwas nicht ein wenig süchtig werden? Es ist gut, dass jeder seine eigene Meinung hat und niemand in der Mitte ist. Ich will, dass jeder eine eigene Meinung hat. Natürlich mag ich es nicht, wenn irgendjemand sagt, dass er uns hasst, aber andererseits wäre ich lieber gehasst, als vergessen zu werden.


Andrew Hurley: Drums
Joseph Trohman: Guitar/Vocals
Patrick Stumph: Vocals/Guitar
Peter Wentz: Bass/Vocals

www.falloutboyrock.com

Autor: jerseydevil | 05.04.2006
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