Interview mit Dropkick Murphys
Interview mit Al Barr von den Dropkick Murphys vom 27.04.2006 Von entlaufenen Kamelen, Tourstress und Boston
Dropkick Murphys Boston. Eine Stadt im Osten der USA mit einer wirklich florierenden Untergrundszene, wenn man ein Fan von Streetpunk, Hardcore oder Skapunk ist. Gleichsam ist auch bekannt, dass fast alle Bands aus der Stadt, in der Larry Bird seine größten Erfolge feiern konnte, es einem geradezu mit Stolz auf die Nase binden, dass sie aus dem Örtchen stammen.
Wer auch nur ein bisschen über die Stadt in Neuengland informiert ist, weiß sicher, dass in der Heimstadt der Celtics, Bruins und Red Sox sehr viele Menschen mit irischen Wurzeln leben.
In diesem Kontext erscheint auch der Erfolg der Dropkick Murphys wenig verwunderlich. Die Band feiert nun ihr 10jähriges Jubiläum und ist mittlerweile die Referenz schlechthin, wenn man an Punkrock mit Einflüssen aus dem klassischen Irish Folk denkt. Das Publikum auf ihren mittlerweile berühmten Auftritten am St. Patrick's Day bringen die Herren in schöner Regelmäßigkeit zum Ausflippen. Aufgrund des Jubiläums und der immer höher steigenden Zahl der Bands, die den Murphys auf ihren Pfaden nacheifern, schien es Dosenmusik angebracht, die Bostoner Jungs auf der derzeitigen Deutschlandtour mit Less Than Jake und Far From Finished zu besuchen und ein wenig über die Geschichte dieser Vorreiter eines Untergenres des Punkrocks zu reden.

Am 27.04.2006, einem Tag, der einem augenscheinlich alle Hoffnungen auf langsam einsetzendes schönes Frühlingswetter zunichte machen wollte, machten sich die Herren TexHex und Born Toulouse trotz trübem Himmel nach Wiesbaden auf, um vor dem abendlichen Konzert ein paar Takte mit den Godfathers of Folkpunk zu quatschen.
Alleine schon die Hinfahrt artete in ein kleines Abenteuer aus. Nachdem die beiden in eine Regionalbahn Richtung Wiesbaden Hauptbahnhof gestiegen waren, natürlich nicht ohne sich vorher noch mit Proviant in Sachen Fast Food und flüssig Brot eingedeckt zu haben, steckten sie plötzlich in der Mitte von Nirgendwo (lies: Hochheim) fest.
Ohne jemandem zu Nahe treten zu wollen, aber die Haltestelle zwischen Frankfurt und Wiesbaden lag wirklich am Arsch der Welt. Vor Ort war weder ein Taxi erspähbar, noch war ein Bus vorhanden, der die beiden rechtzeitig zum Interviewtermin hätte bringen können.
Als dann auch noch der Grund für das mittlerweile 30minütige Festsitzen bekannt wurde, kamen sich die Herren vor wie in einem schlechten Film: in der Höhe von Wiesbaden Ost waren Kamele eines Zirkus ausgebrochen und auf die Gleise gehuscht. Bevor diese nicht eingefangen wären, so der Schaffner, wäre an eine Weiterfahrt nicht zu denken.
Ob sich dieser Bahnlakai durch einen schlechten Scherz den grauen Alltag aufhellen wollte oder es gar stimmte, das war in diesem Falle irrelevant. Als man sich dann entschied, anders weiterzufahren, war der Zug auch schon wieder im Begriff, jetzt doch die Fahrt aufzunehmen.

Nachdem man den Zug aber noch erwischen konnte und mit Verspätung zum Interviewtermin eintraf, schien dies ein denkbar schlechter Beginn für eine Plauderrunde zu werden.
Der Tourmanager unterstellte den gehetzten Herren jedoch keine Ausreden für ihr verspätetes Eintrudeln und machte uns sogleich mit dem Sänger der Murphys, Al Barr, bekannt.
Nachdem Barr ein ruhiges Plätzchen im Backstagebereich finden konnte, gesellten wir uns zu ihm und sprachen mit ihm über Themen rund um die Band, Boston und dem Krieg im Irak.

Dosenmusik: Tut mir leid, dass wir zu spät sind, wir hatten Probleme mit dem Zug. Einem Zirkus sind ein paar Kamele ausgebrochen und auf die Gleise der Zuglinie geflüchtet. Die mussten erst mal eingefangen werden, bevor die Fahrt weitergehen konnte. Klingt total bekloppt, ich weiss..
Al Barr: Oh, ich glaub Euch das. Das ist zu abgedreht, als dass sich einer so was ausdenken könnte!
Dosenmusik: Hehe, ok gut. Dann können wir ja anfangen. Fangen wir mal mit der Tour an. Wie läuft Euere Tour durch Deutschland so bisher?
Al Barr: Großartig! Eigentlich ist sie schon fast vorbei, nach heute abend spielen wir noch zwei Shows. Wir sind fast fertig und das hier ist unsere letzte Show in Deutschland. Morgen spielen wir in Paris, dann beim Groezrock in Belgien und danach sind wir in Strasbourg. Am Montag fliegen wir heim, es ist also fast geschafft.
Dosenmusik: Wie gefällt es Euch, gemeinsam mit Less Than Jake und Far From Finished zu touren?
Al Barr: Ausgezeichnet, mann. Es war genial, eine super Tour. Wir kennen Less Than Jake schon eine ganze Weile und Far From Finished ebenso.
Dosenmusik: Wie beeinflusst das Touren Dein Leben? Ihr seid ja quasi die ganze Zeit unterwegs.
Al Barr: Das ist halt das, was wir so machen, man gewöhnt sich also einigermaßen dran. Aber ich habe daheim eine Frau und ein Kind, die auf mich warten, das macht es ein wenig schwierig, wenn Du verstehst, was ich meine. Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass wir so unseren Lebensunterhalt verdienen können, aber gleichzeitig ist es wie ein zweischneidiges Schwert: denn offensichtlich vermisst man während der Tour seine Frau und sein Kind und die Möglichkeit, jeden Tag Zeit mit ihnen zu verbringen. Du musst wissen, dass mein Sohn gerade ein bisschen älter als 2 Jahre ist, da verändert sich jeden Tag etwas. Dinge, die er neu lernt und solche Sachen, sowas verpasst man. Aber wie ich bereits gesagt habe, ich schätze mich glücklich, dass wir so was machen können.
Dosenmusik: Welches Land ist eigentlich das Seltsamste, um dort auf Tour zu sein?
Al Barr: Was verstehst Du unter "seltsam"?
Dosenmusik: Na ja, vielleicht Länder, in denen Euere Touren verrückt abgelaufen sind oder wo die Fans ein wenig übergeschnappt sind und ihr seltsame Erfahrungen mit den Leuten gemacht habt. Eventuell aber auch einfach Länder, in denen das Leben auf Tour sehr unvertraut oder besonders ist.
Al Barr: Verrückter Kram passiert in jedem Land, sogar bei dir daheim, überall. (wechselt plötzlich die Sprache und sagt auf Deutsch:) Kommt halt drauf an, you know? (allgemeines Gelächter) Manchmal springen nackte Kerle in Deutschland auf die Bühne oder Leute haben Sex im Tourbus. Wir waren mal in Albany im Bundesstaat New York und nach der Show bin ich in den Bus gegangen. Anscheinend haben sich zwei Leute klammheimlich in unseren Bus geschlichen und auf der Couch gefickt, dabei kannte die keiner von uns! Damit will ich nur sagen, dass verrückter Scheiß überall passiert. In den 10 Jahren, die es die Band nun gibt, ist soviel in der Art passiert, dass man sich nicht an jede einzelne Sache erinnern kann. Auf einer Tour kann Dir immer Ungewöhnliches passieren, jeder Tag ist also quasi ein Abenteuer.
Dosenmusik: Hm, verstehe.
Al Barr: Meistens sind es halt verrückte Sexgeschichten, die da so passieren. Das Lustige daran ist, dass wir wahrscheinlich eine der Bands sind, die am Wenigsten Sex auf Tour haben, weil wir alle entweder verheiratet sind oder eine feste Freundin haben. Deswegen hat keiner von uns Sex während dem Touren (schmunzelt), aber es scheint so, als ob so was trotzdem andauernd in unserer Nähe passiert, das ist schon ziemlich witzig.
Dosenmusik: Wie würdest Du, rückblickend, die Geschichte der Murphys beurteilen? Ihr seid jetzt nun seit 10 Jahren im Geschäft...
Al Barr: Ja.
Dosenmusik: Dieses Jahr stellt ja nun schon eine Art Jubiläum dar.
Al Barr: Ja, wir haben dieses Jahr unser 10-jähriges Bandjubiläum.
Dosenmusik: Habt Ihr da irgendwas Besonderes geplant?
Al Barr: Wir gehen einfach auf Tour und unterstützen damit unser neues Album, na gut, so wirklich neu ist es mittlerweile doch nicht mehr. Wir machen einfach das, was wir sonst auch immer machen. Die 10 Jahre haben sich echt gut vor uns versteckt und sich ganz langsam an uns herangeschlichen, so dass es uns vorkommt als wäre es gestern gewesen und wir uns oft denken: holy shit, 10 Jahre sinds nun schon? Wir spielen die St. Patrick's Show, wie wir es jedes Jahr machen und das ist immer ne Riesenfete. Jedes Mal, wenn wir auf der Bühne stehen, artet das sowieso in eine kleine Feier aus (lacht). Deswegen haben wir auch nichts in der Art geplant. 10 Jahre sind echt ne lange Zeit, aber schau Dir erst mal Bands an, die schon 20 oder 30 Jahre dabei sind, beispielsweise Sick Of It All, die stehen ja nun auch schon seit 20 Jahren auf der Bühne, da ist das ja fast nichts gegen.
Dosenmusik: Was bedeutet es Dir, ein Teil der Dropkick Murphys zu sein? Was würdest Du tun, wenn Du nicht in der Band wärst?
Al Barr: Hm, was es mir bedeutet? Nun, es ist meine Band, genauso wie es die Band von jedem anderen unserer Mitglieder ist, wie eine Familie halt. Betreffend das, was ich machen würde, wenn ich nicht in dieser Band wäre, nun ich denke, ich würde bestimmt dennoch Musik machen. Ne Menge Leute machen auf die eine oder andere Art Musik und Musik ist so ziemlich das Einzige, was ich gut hingekriegt habe und auch die einzige Sache, die ich jemals richtig geliebt habe, außer vielleicht Vater zu sein (grinst).
Dosenmusik: Wie hat das eigentlich alles mit den Murphys angefangen und wie seid Ihr dazu gekommen, diese besondere Art von Musik zu spielen, die Ihr heute spielt? Hast Du da bestimmte andere Vorlieben neben, offensichtlicherweise, Irish Folk und Punkrock, die Euch beeinflusst haben?
Al Barr: Auf jeden Fall! Um den ersten Teil Deiner Frage zu beantworten: als die Band gegründet wurde, handelte es sich einfach um eine Gruppe von Freunden, die zusammen Musik machen wollten. Als sie dann den Song "Barroom Hero" aufnahmen und einen Dudelsack einbauten, haben die Leute, die das gehört haben gemeint: "Hey, das klingt wie ne Mischung aus den Pogues und den Ramones!". Dann haben wir einige Jahre getourt und 2000 das Album "Sing Loud, Sing Proud" herausgebracht. Während der Aufnahmen haben wir uns dann mehr Leute in die Band geholt. Anfangs waren wir ja nur zu viert. Bei den ersten beiden Alben, "Do or Die" und "The Gang's All Here" und auch während der sonstigen Frühzeit der Band haben wir auch schon traditionelle Instrumente benutzt, nur nicht in diesem Ausmaß. Wir haben nicht immer unser ganzes Repertoire an Instrumenten für die Alben benutzt, weil wir dachten, dass sich das live auf der Bühne nicht umsetzen lässt. So in etwa wie: "Weshalb sollten wir ein Album mit all diesen coolen Instrumenten aufnehmen, wenn wir das nicht auch live hinbekommen?". Das fanden wir ein wenig unsinnig, eine CD aufzunehmen, auf der man eine Mandoline, ein Akkordeon oder eine Flöte hören kann und das dann aber nicht bei einer Show umsetzen zu können. So sahs bei uns in etwa zu Beginn der Bandgeschichte aus. Aber dann, im Jahre 2000, als wir "Sing Loud, Sing Proud" veröffentlicht haben, haben wir ein paar Leute aus der Punkszene getroffen, die Dudelsack, Mandoline oder Flöte spielten und haben das dann in die Band integriert. Als wir das Album gemacht haben, hatten wir keine Vorgaben oder Begrenzungen und das hat uns letztendlich dorthin geführt, wo wir heute stehen. Was den zweiten Teil Deiner Frage angeht, was das Hören von anderer Musik betrifft, fuck yeah! (lacht). Irische, keltische und amerikanische Volksmusik sind Einflüsse, die wir für unsere Musik benutzen, es ist aber nicht so, dass ich aus dem Tourbus aussteige und mir dann sofort irische Musik reinziehe. Natürlich hör ich mir irische Musik an, aber ich höre alle möglichen Arten von Musik. Du kannst Dir nicht die ganze Zeit dieselbe verfluchte Musik anhören, das ist verdammt langweilig.
Dosenmusik: Wie sieht es eigentlich mit Deiner persönlichen Beziehung zu Irland aus? Schließlich benutzt Ihr ja diese Einflüsse in Euerer Musik und Eueren Artworks.
Al Barr: Die Band kommt ja aus Boston in Massachusetts.
Dosenmusik: Ja, sicher, das ist mir schon klar.
Al Barr: Boston hatte schon immer einen großen Anteil an Einwanderern, die aus Irland hergekommen sind. Jedes Mitglied der Band, außer mir, hat irische Wurzeln. Sei's nun der Urgroßvater, Großvater oder Vater oder sonst wer. Dadurch sind die Jungs in den jeweiligen Haushalten mit irischer Musik groß geworden und mit Irish Folk in Kontakt gekommen. Daher kommt also dieser Einfluss. Aber wir sind eigentlich einfach eine amerikanische Punkband, die Ideen aus dem Irish Folk aufnimmt. Wir versuchen nicht, eine irische Band zu sein, wir behaupten nicht, Iren zu sein und wir halten uns auch aus der Politik in Nord-Irland raus. Dazu haben wir nichts zu sagen, weil wir eine amerikanische Punkband sind und auch in Amerika leben.
Dosenmusik: Ist Religion ein wichtiger Teil des Lebens der Bandmitglieder oder auch für Dich selber? Ich frage das wegen der Verbindungen zur irischen Kultur und weil Du ja sagtest, Du persönlich hättest keine Beziehung zu Irland.
Al Barr: Nun, es gibt schon eine Verbindung zu Irland, sie stellt sich nur ein wenig anders dar als die, die in der Wahrnehmung der meisten Leute existiert. Auch heute werden wir noch häufig gefragt, ob wir aus Irland kommen. – Nein, wir sind eine amerikanische Band. Jeder in der Band, oder fast jeder außer mir, wurde in einem katholisch-geprägten Haushalt groß. Ich selber bin kein Katholik, aber ich habe meine eigene Meinung zu Religion. Ich sehe mich eher als spirituelle Person, ich glaube an Gut und Böse, ich glaube an eine höhere Macht, aber persönlich glaube ich nicht an diesen ganzen Bibelkram und Jesus. Aber die anderen Jungs aus der Band gehen schon mal sonntags in die Kirche, so machen die Katholiken das halt. Ist ja ihre Sache. Ich glaube an Religionsfreiheit, ich denke, Leute sollten an das glauben, woran sie glauben möchten oder was ihnen so durchs Leben hilft.
Dosenmusik: Was bedeutet es Dir eigentlich persönlich, dass die Murphys als die Erfinder des Folkpunks gelten? Ich weiß schon, dass es da noch Bands wie die Pogues vor Euch gab, aber Ihr werdet ja meistens als Referenz in der Kategorie "Folk meets Punk" angegeben. Was denkst Du von den vielen Bands, die Euch nacheifern, wie beispielsweise Flogging Molly und Konsorten?
Al Barr: Für mich persönlich sind die Dropkick Murphys die Band, die die Mischung aus Punkrock und Irish Folk bekannt gemacht hat. Die Pogues waren die erste Band, die eine Art verrückte Attitüde und Prahlerei in ihre Musik integriert haben, und so einen leichten Punkeinfluss hatten, aber ansonsten eine sehr traditionelle Band waren. Flogging Molly ebenso, eine eher traditionelle Band, die auch das gewisse Etwas wie die Pogues in ihrer Musik haben. Es gab da auch noch andere Bands, wie beispielsweise die Real McKenzies, die ihre eigene Art von Musik länger als die Dropkick Murphys gemacht haben, es gibt auch eine Band aus Chicago namens The Tossers, die das vor uns gemacht hat. Aber was das Vermischen von Einflüssen a la AC/DC, den Ramones und Irish Folk betrifft, glaube ich, dass wir diejenigen waren, die das erfunden und bekannt gemacht haben. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass jeder, der nach uns kommt und so was in der Richtung spielt, uns kopiert oder nachmacht. Wenn uns beispielsweise in 10 Jahren eine junge Band als großen Einfluss nennt, wäre das ein großes Kompliment für das, was wir so gemacht haben. Aber weißt Du, ich denke, dass die Leute nicht dumm sind. Wenn jemand zum Beispiel in ein oder zwei Monaten eine neue CD kaufen würde von einer Streetpunkband, die plötzlich Dudelsäcke benutzt, glaube ich, dass er sich nicht für dumm verkaufen lassen würde. Er würde sich dann bestimmt so was wie "Ok, die Jungs wollen wie die Murphys sein" denken, weil sie vorher einfach Streetpunk gespielt haben und nun auf einmal all diese traditionellen Instrumente benutzen. Da ist dann wenig Originalität dabei und ich glaube, dass jeder schlau genug ist, sein eigenes Urteil zu fällen, ohne dass ich hier meine Meinung rausposaunen muss, dass diese oder jene Band scheiße oder großartig ist. Wer zum Teufel bin ich überhaupt, dass ich so was sagen darf? Ich bin nur ein Kerl mit seiner eigenen Meinung. Ich glaube, es ist genug Platz für alle da, Flogging Molly ist eine großartige Band, die Real McKenzies auch, die Pogues sind natürlich legendär und eine große Inspiration für uns. Wir hatten Riesenglück, dass wir für die Pogues im Dezember ein paar Wochen lang den Opener machen durften, das war echt aufregend!
Dosenmusik: Was dient Dir als Inspiration, wenn Du Songtexte schreibst? Ihr scheint ja viele Lieder zu haben, die sich um klassische Arbeiterklassethemen drehen, wie soziale Gerechtigkeit und ein Plädoyer für Solidarität und Gemeinschaft beinhalten. Glaubst Du, dass den Leuten heutzutage solche Werte abhanden gekommen sind?
Al Barr: Definitiv! Ich glaube, diese klassische Einstellung, die mit Gewerkschaften einher geht, erscheint überholt, wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Unglücklicherweise lösen sich andauernd irgendwelche Gewerkschaften auf, weil die Gier die Überhand gewinnt. Es ist schon schwierig, so eine Frage zu beantworten. In den Songs und den Texten, die wir schreiben, schreiben wir eigentlich über Dinge, die uns selbst und unsere Familien betreffen oder beschäftigen und wir stammen nun mal alle aus Arbeiterhaushalten. All unsere Eltern haben sich ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdient. Mein Vater selbst war beispielsweise Lehrer, bis er in Rente gegangen ist. Viele Menschen haben einen Gewerkschaftshintergrund, was ihre Familien angeht. Da merkt man vielleicht heute nicht mehr viel von, auch wenn alle so furchtbar stolz auf dieses Prädikat "made in America" sind, was Waren betrifft. "Made in America, made in America", das kriegst Du in Amerika andauernd zu hören. Wenn Du Dir aber irgendwas, von dem Du glaubst, dass es in Amerika hergestellt wurde richtig anschaust, merkst Du, dass die Dinger in Wirklichkeit in Korea, China oder sonst wo hergestellt werden (schmunzelt). Deswegen denke ich, dass es heutzutage schwer ist, so etwas wie Solidarität zu entwickeln samt einer dazu passenden Attitüde. Ich glaube die Leute versuchen schon, solch einen Zusammenhalt aufrecht zu erhalten, es wird aber immer weniger und weniger. Man kann halt heute viel leichter reisen und es gibt so viele Menschen auf der Welt und man hat auch so viele Alternativen, Sachen billiger zu bekommen. Dazu kommt, dass die Großkonzerne und –firmen stets nach neuen Wegen suchen, billiger zu produzieren und ihre Gewinne zu maximieren. Wenn die etwas woanders billiger herstellen lassen können, dann machen die es auch, anstatt Leute in ihrer eigenen Stadt einzustellen, weil sie dann mehr bezahlen müssten. Das ist natürlich ein Problem, aber was kann man schon dagegen tun? Wir denken nämlich nicht, dass eine Band großartig die Welt verändern kann. Aber wenn wir die Welt um uns herum, in unserem Alltag, ein wenig verändern können, ist das doch schon mal ein Anfang.
Dosenmusik: Lass uns doch mal ein wenig über Euer letztes Album, "The Warrior's code", sprechen. Ich frage mich, ob man das Album als ein Statement gegen Kriege im Allgemeinen verstehen könnte. Ihr habt beispielsweise 2 Songs auf der CD, zum einen der klassische, traditionelle Antikriegssong "The Green Fields Of France" und zum anderen den Song, den ihr einem im Irakkrieg gefallenen Soldaten gewidmet habt. Wolltet Ihr damit die Sinnlosigkeit und das Leid dokumentieren, das Kriege mit sich bringen?
Al Barr: Das Interessante an dem Song "The Green Fields Of France" ist ja, dass er vor einer langen Zeit geschrieben wurde, der Text aber auch heute noch aktuell erscheint. Auch in der heutigen Zeit ist so ein Song noch von großer Relevanz. Bevor die USA den Krieg mit dem Irak begonnen hatten, waren wir schon gegen diese ganze Sache. Keiner von uns ist ein Kriegsbefürworter und ich kann auch nicht verstehen, wie jemand pro-Krieg sein kann. Im zweiten Weltkrieg gab es zumindest noch so etwas wie eine klare Trennung zwischen Gut und Böse, aber heutzutage ist es wirklich schwer zu sagen, wer die Guten und wer die Bösen sind und was die wirklichen politischen Ziele sind, die hinter der Einmischung in solche Konflikte stehen. Ich würde zwar nicht sagen, dass "the Warrior's Code" ein Statement oder eine Anti-Kriegs-Platte ist, aber wenn man sich unsere Texte anhört, kann man schon sehen, wo wir stehen, was diese Angelegenheit betrifft. Wir sind aber definitiv Unterstützer unserer Truppen, denn in der Geschichte der USA wurden die Kriege immer von Angehörigen der Arbeiterklasse ausgefochten. Die Armen und die Arbeiter wurden immer eingezogen und die Reichen sind daheim geblieben. Wir unterstützen also schon unsere Truppen, die sind da drüben und sterben, aber gleichzeitig sind wir weder Bush-Anhänger noch Kriegsbefürworter, wir haben den Krieg nie unterstützt. Wir hoffen wirklich, dass der Konflikt sobald wie möglich beendet wird unddie Leute unversehrt nach Hause gelangen. Wir hoffen auch, dass die Iraker, die durch diesen Krieg alles verloren haben, ihre Heimat zurückbekommen und eine ordentliche Gesellschaft aufbauen können, in der sie ihre Kinder in Frieden und Sicherheit aufziehen können. Ich als Vater möchte keine Familie zerrissen oder heimatlos sehen, egal ob sie aus Amerika, dem Irakoder sonst woher kommt. Vollkommen egal, Familien sind nun einmal Familien, wir Menschen haben alle unsere Familien und lieben sie. Es ist ein universelles Gefühl, das weit über Nationalitätsgrenzen hinaus geht, wir Menschen vergessen das nur sehr oft, wenn wir uns im Patriotismus verlieren (Al ballt die Faust und imitiert einen populistischen Redner, alle schmunzeln).
Dosenmusik: Die folgende Frage dreht sich um die Szene in Boston. Wie ist es denn, eine Punkrockband aus Boston zu sein? Für uns hier kommt es so rüber, als wären Bands aus Boston generell sehr stolz auf ihre Heimatstadt. Jede Streetpunkband aus Boston scheint ja beispielsweise mindestens einen Song zu haben, in dem irgendwie das Wort Boston vorkommt, wie auch ihr mit "For Boston" oder "Boston, USA" von den Ducky Boys.
Al Barr: Ja, richtig.
Dosenmusik: So als ob da ein wenig Lokalpatriotismus demonstriert wird.
Al Barr: Nun, schau Dir mal einfach irgendjemanden an, beispielsweise hier in Europa oder Deutschland. Jeder hat zum Beispiel einen bestimmten Fußballklub aus seiner Heimatstadt, den er unterstützt. Das ist im Prinzip dieselbe Sache. Jedermann hat eine gewissen Stolz in Bezug auf den Ort, an dem er geboren wurde, aus dem er stammt. Das ist ihr Zuhause, dort schlägt ihr Herz. Dort wo ihre Mutter, ihr Vater, ihre Familie wohnt, wo sie aufgewachsen sind. Da empfinden sie Verbundenheit und Wärme. Ich glaube, das ist so eine weitere universelle Geschichte, ich glaube nicht, dass es so was nur in Boston gibt. Ich denke jeder empfindet so, egal woher er stammt. Vielleicht hört man auch einfach mehr von den Bands, die aus Boston kommen. Es ist halt einfach zufällig so, dass die Dropkick Murphys aus Boston kommen, das ist der Ort, aus dem wir stammen, in dem unsere Lieben wohnen, dort schlägt für uns das Herz. Es ist Liebe und Wertschätzung für den Ort, aus dem Du kommst, aber es hat nichts mit Nationalismus zu tun oder dass wir besser als andere wären, weil wir aus diesem Ort stammen. Wir singen einfach über unsere Heimat, das ist alles. Boston ist eine recht kleine Stadt in Vergleich zu anderen, vielleicht müssen wir Jungs aus Boston deswegen mehr Krach machen, damit uns die Leute bemerken (lacht). Nimm nur mal New York, als Beispiel. Du kannst in ein osteuropäisches Land fahren und Leute sehen, die Mützen mit dem New York Yankees-Logo anhaben und keine Ahnung haben, wofür zum Teufel das steht (schmunzelt). Deswegen versuchen wir eventuell einfach, mehr auf uns aufmerksam zu machen. Geschichtlich gesehen, gerade zu Beginn der Geschichte der USA und als die Revolution begann, gab es jedoch sehr viele historisch relevante Ereignisse in der Gegend rund um Boston.
Dosenmusik: Ich dachte mir, ich frage mal, da gerade die Deutschen wegen ihrer Geschichte ein zwiespältiges Verhältnis zum Thema Patriotismus haben. Stichwort: drittes Reich.
Al Barr: Richtig. Deswegen muss man auch verstehen, dass das nichts mit Nationalismus und diesem blinden Bla-bla-Patriotismus zu tun hat (imitiert wieder den populistischen Redner, der die Faust schwingt). Es geht eher darum, dass Du über die Liebe zu Deinem Heimatsort, aus dem Du kommst, Lieder schreibst. Das ist alles. Die Leute bei uns springen nicht auf Laster und fahren in Nachbarorte, um Leute zu verprügeln und dann "wir kommen aus Boston" zu gröhlen (schmunzelt).
Dosenmusik: Hehe, das hatte ich auch nicht gedacht! (lacht)
Al Barr: Ja, darum geht es dabei nicht. Es ist schon eine kleine Stadt, aber in einem anderen Sinne groß, als das wir Leute aller möglichen Ethnizitäten haben. Und jeder ist dort willkommen, egal ob Du irisch, italenisch oder afrikanisch bist, aus Westeuropa oder sonst woher stammst. Es gibt dort alle möglichen Arten von Leuten und die leben zusammen ohne große Probleme. Da kommt keiner irgendwo mit einem Charlie-Chaplin-Schnauzbart auf die Bühne gestiefelt und hält Reden darüber, dass Boston die Welt erobern sollte (alle lachen) . Oder so was in der Art (lacht).
Dosenmusik: Wie ist das dann, wenn ihr im Ausland Tour seid? So als Band aus den USA, die stolz auf ihre Heimat Boston ist. Gibt's in Bezug auf das irgendwelche Reaktionen, gerade wenn man die heutige weltpolitische Lage betrachtet?
Al Barr: Wir haben nie wirklich irgendwelche feindseligen Erfahrungen in Bezug auf das gemacht. Wenn wir beispielsweise auf die Bühne gehen und den Song "For Boston" spielen, der ja nun ein alter College-Schlachtsong ist, für Footballteams, und nebenbei angemerkt: Footballspieler haben mich mal verprügelt, als ich ein Kind war (alle lachen) weil ich einen Iro hatte. Aber wenn wir dann solche Sachen spielen, beziehungsweise die Songs, die zu unserem Hauptrepertoire gehören, dann haben die vom Inhalt her meist alle eine universelle Botschaft, die Grenzen überschreitet. Die Leute wissen dann, dass wir über die Arbeiterklasse sprechen und über Familien und Familien und Arbeiterklasse, diese Dinge und diese Verbindung gibt es nun mal überall. Nicht nur in Boston, sondern auf der ganzen Welt. Das gibt's hier auch in Deutschland und in jedem anderen beliebigen Land.
Dosenmusik: Zum Abschluss würden wir gerne ein kleines Assoziationsspiel mit Dir spielen. Wir geben Dir ein Wort und Du sagst uns einfach, was Dir dazu spontan durch den Kopf schießt. Nur ein paar Wörter oder ein kurzer Satz. In Ordnung?
Al Barr: Ok, sicher. Ich bin ziemlich scheiße in so was (schmunzelt).
Dosenmusik: (lacht) Da kannst Du nicht scheiße drin sein, weil's einfach um Deine Assoziation geht! Ist ja nur so aus Spaß, was immer Dir grad so in den Sinn kommt. Egal, wie blöd es Dir vorkommt, einfach raus damit.
Al Barr: In Ordnung.
Dosenmusik: Dann fangen wir an mit "BOSTON".
Al Barr: Ähm, ziemlich nah an dem Ort, in dem ich lebe. (alle schmunzeln)
Dosenmusik: DUDELSACK?
Al Barr: Das lauteste Instrument, das es auf der Welt gibt!
Dosenmusik: THE POGUES?
Al Barr: Spider Stacy, großartiger Kerl!
Dosenmusik: WHISKEY?
Al Barr: Ah, Jesus Christ, nie wieder! (alle schmunzeln)
Dosenmusik: THE BUSINESS?
Al Barr: The Business, die Band?
Dosenmusik: Yep.
Al Barr: Mickey Fitz, Steve Whale, Mickey Drummer, großartige Band!
Dosenmusik: BARROOM HERO?
Al Barr: Ich hab versucht, einer zu sein, aber ich war nicht sehr erfolgreich (alle lachen).
Dosenmusik: Das Letzte kommt aus den 80ern und heisst: HE-MAN?
Al Barr: He-Man? Masters of the Universe? Meine Exfreundin war in derselben Klasse wie der Kerl, der sich diesen Cartoon ausgedacht hat.
Dosenmusik: (lacht) Das ist toll, großartig! Hab vielen Dank für das Interview!
Al Barr: Bitte, kein Problem. Und nicht dass Ihr Euch wundert, wieso wir heute alle Hawaiihemden tragen, heute ist Hawaiihemden-Tag, deswegen hat hier jeder eins an! (alle lachen)


Al Barr - vocals
Ken Casey - bass & vocals
Matt Kelly - drums, vocals
James Lynch - guitar, vocals
Marc Orrell - guitar, piano, vocals
Tim Brennan - accordion, mandolin, acoustic guitar, vocals
Scruffy Wallace - bagpipes

www.dropkickmurphys.com

autoren: Born Toulouse, TexHex | 04.05.2003
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