Interview mit Chuck Ragan
Interview mit Chuck Ragan in Wiesbaden am 12.05.08 Wir lieben es, Platten in der Hand zu halten...
Chuck Ragan Vor seinem Konzert am 12. Mai in der Räucherkammer des Wiesbadener Schlachthofs nahm sich der Singer/Songwriter Chuck Ragan, den die meisten als Sänger und Gitarrist von Hot Water Music kennen dürften, Zeit, ein paar Fragen zu beantworten.

Dosenmusik: Hi Chuck, ich bin Yannick. Ich mache das Interview für dosenmusik.de, eine lokal Musik-Community im Internet.
Chuck: Cool!
Dosenmusik: Okay, so, wie ich es in der letzten Zeit mitbekommen habe, wird es immer populärer für Leute aus dem Punk-Bereich, dieses Singe/Songwriter-Ding zu machen. Siehst du irgendeinen bestimmten Grund, weshalb die Leute nicht genauso oft Hip Hop, oder meinetwegen Techno oder so als Side-Projekt machen?
Chuck: Ähm, ich kann jetzt nicht für alle sprechen, aber zumindest für eine gute Handvoll Freunde, die ich kenne und wir alle haben so ziemlich die selben Gründe dafür. Das Ganze ist der Punkt, an dem wir begonnen haben. Jeder von uns hat mit einer Gitarre in einem kleinen Raum angefangen und nur für sich selbst oder seine Freunde gespielt. Ich hab mit meinem Kumpel Tom Barry von Avail darüber gesprochen vor Kurzem. Ich denke einfach, dass es momentan an eine größere Öffentlichkeit getragen wird, weniger dass es populärer wird. Es war immer da, die Leute nehmen es jetzt nur stärker wahr. Vom ersten Hot Water Music-Album an und auch bei den ganzen anderen haben wir alles akustisch geschrieben. Wir haben damals in diesem Gebäude gelebt, mit all den Leuten um uns herum, so dass wir akustisch spielen mussten. Und auf die Art und Weise haben wir die ersten Hot Water Music-Alben geschrieben. Wir haben auch eine Menge Akustik-Shows und ich war nebenher hin und wieder in Akustik-Projekten. Aber ich mein, es ist cool, die Leute akzeptieren es mehr. Es war halt nie so, dass es niemand gemacht hat, die Leute haben sich nur nicht interessiert. Naja, ich glaube halt, dass sich in der Musik alles in Kreisen wiederholt. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist in der Gemeinschaft, aus der ich komme, dass ich Musik mache, um etwas zu verändern im Leben oder in der Gesellschaft. Man muss manchmal aus diesem ganzen Alltagstrott ausbrechen und darauf achten, was jemand sagt. Weißt du, das ist so wie wenn ich mir eine Platte von einer Band hole, die ich liebe und die Lyrics lese statt sie nur zu hören. Macht das Sinn?
Dosenmusik: Ja, das macht für mich auf jeden Fall Sinn.
Chuck: Und ich denke, dass dieser Musikstil eher eine klare Stimme, eine verständliche Message.
Dosenmusik: Wenn du deine Songs für deinen Solo-Kram schreibst, schreibst du währenddessen immer noch als Punk-Musiker oder hast du eine ganz andere Herangehensweise?
Chuck: Eigentlich besteht da gar kein Unterschied dazu. Ich schreibe immer noch wie als ich 13 Jahre alt war. Ich hab seitdem einen größeren Wortschatz gekriegt und kann mehr Akkorde spielen, haha, hab meine Erfahrungen gemacht. Ich glaube, dass jeder der eine bestimmte Art von Kunst erschafft, ob Musik, Malen oder was auch immer, am Anfang herausfindet, wie er das machen möchte. Du nimmst diese Art und Weise und gehst durch das Leben, verbesserst dich in Manchem, behälst Manches bei, ich denke einfach, dass es sich konstant entwickelt. Für mich speziell ist es das selbe, ob ich für Hot Water Music oder mich selbst schreibe.
Dosenmusik: Also schreibst du einfach Songs und guckst dann am Ende, ob sich etwas nach Hot Water Music oder nach einem Solo-Song anhört?
Chuck: Ja, es gibt auf jeden Fall eine Menge Solo-Songs von mir, die nicht zu Hot Water Music passen. Und das ist für mich auf jeden Fall sehr befreiend, denn bei HWM bin ich auf Dauer dann doch sehr limitiert. Ich mein, wir sind eine Rock-Band.
Dosenmusik: Es hält einen wahrscheinlich davon ab, in so eine Monotonie hineinzugeraten.
Chuck: Ja, das stimmt. Aber wie gesagt, für mich ging es immer nur darum, einen besseren Song zu schreiben.(lacht)
Dosenmusik: Du hast dieses Statement ins Booklet von "Feast Or Famine" gesetzt wo du die Leute dazu aufrufst, weiterhin Platten zu kaufen, unabhängige Labels und Plattenläden zu supporten. Ist das an diese Download-"Problematik" addressiert oder geht es eher raus an die Leute, die auf Shows gehen, Teil einer bestimmten Szene sind?
Chuck: Es ist mehr an diese bestimmten Leute gerichtet, den Zirkel, in dem ich unterwegs bin. Wir lieben es, Platten in der Hand zu halten, Lyrics zu lesen und als Band, als Freunde zusammenzukommen, Musik zu schreiben und irgendwann kriegt man dann das Paket und macht es auf, sieht das Resultat und fühlt sich einfach nur "WOW!". Und dieses Gefühl kriegt man einfach nicht durchs Klicken und Runterladen. Versteh mich auch bitte nicht falsch, ich denke, das digitale Zeitalter ist großartig, brilliant. Aber es gibt da ein Paradoxon, denn das, was die ganze Musikwelt vernetzt und diese Art Community bildet, tötet auch gewissermaßen einen Teil des ganzen. Denn es ist so normal und einfach geworden, Alben aufzunehmen und zu veröffentlichen, es ist einfach ein Stück Magie verloren gegangen.
Dosenmusik: Es ist einfach nicht dasselbe, wie wenn man eine LP hat, sie aus der Verpackung holt, sie ansieht, die Texte und das Artwork begutachtet.
Chuck: Ja, also wie gesagt, das digitale Zeitalter ist für Musik eine großartige Sache und als ich dieses Statement ins Booklet gesetzt habe, wollte ich mich damit nicht gegen sowas allgemein aussprechen. Ich wollte lediglich die Leute beschwören, weiterhin Platten zu kaufen, weil, die meisten verstehen es einfach nicht, weil sie nicht in einer Band sind. Es ist echt ein schwieriges Leben, eine schwierige Art und Weise, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und wenn diese Bands, die wir alle lieben auf die Bühne treten, ist das alles, was wir von ihnen sehen, sie sind ein paar Stunden hier und gehen dann. Und das ist der Grund, dass ich zu ihnen rübergegangen bin und ihre Platte, ihr T-Shirt gekauft hab, was es ihnen irgendwann ermöglicht, wieder zu kommen. Ich mein, heutzutage verdienen Bands kaum am Plattenverkauf, außer sie sind riesengroß. Sie verdienen ihr Geld, indem sie auf Shows Merchandise verkaufen und so schlagen die sich durch. Und ich glaube, die Leuten sehen nicht, dass ein Download nicht das selbe ist, wie etwas zum Anfassen in der Hand zu halten. Naja, das ist nur meine Meinung.
Dosenmusik: Es ist wahrscheinlich von einigen die Meinung. Sehr viele Leute hier aus Deutschland, die sich wirklich mit Musik auseinandersetzen und etwas mit dem organisatorischen Aufwand zu tun haben, kaufen immer noch Platten und fahren auf alle möglichen Shows und sehr viele Labels hier pressen immer noch LPs. Viele Bands würden wohl auch gerne noch Sachen auf LP veröffentlichen, aber in einigen Musikbereichen bezahlt sich das einfach nicht mehr. Ich mein, die Labels hängen sich rein und bleiben letzten Endes trotzdem auf den Kosten sitzen.
Chuck: Ich mein es gibt auch Bands, die etwas Geld über den digitalen Weg machen können. Aber der Grund für mein Statement ist einfach nicht nur Geld, sondern dieses ganze Ding um eine Veröffentlichung am Leben zu erhalten. Das ist nicht nur die Band, sondern Freunde die das Artwork machen usw.
Dosenmusik: Habt ihr jetzt eigentlich mehr als eine Show mit Hot Water Music in Europa gespielt oder nur Karlsruhe?
Chuck: Ne, wir haben 4 Shows gespielt, Karlsruhe, dann das Groezrock, Münster und Hamburg.
Dosenmusik: Münster ist bestimmt klasse, ich hab bis jetzt nur gutes gehört!
Chuck: Ja man, Münster ist echt toll.
Dosenmusik: Die haben da den Skaters Palace.
Chuck: Genau da haben wir gespielt, haha!
Dosenmusik: Vermisst du nicht manchmal die Shows mit deiner Band vor höchstens 100 Leuten zu spielen? Gibts da keinen Unterschied in der Energie die rüberkommt?
Chuck: Mit der Band? Um ehrlich zu sein: Nein! Wir haben vor 50 und vor 5000 Leuten gespielt und es gab Male, wo sich die Shows vor 5000 Leuten angefühlt haben wie in einem kleinen Raum. Es geht nur um die Nacht, die Leute, die Energie, die stattfindet. Und ehrlich gesagt, die meiste Zeit ist es einem egal, ob es viele oder wenige sind, solange die Leute dabei sind. Nehmen wir mal dieses Groezrock, das ist riesig. Aber sobald ich auf die Bühne gehe, und meine Freunde stehen um mich herum, all diese Gesichter, die ich seit 15 Jahren kenne. Alkaline Trio, Bouncing Souls, Strike Anywhere...das war einfach ein warmes besondres Gefühl. Da denkst du nicht über die Größe des Festivals nach, es war einfach ein super Gefühl. Ich mein, ich liebe beides, kleine oder große Shows, das macht für mich keinen Unterschied. Die großen Shows haben vielleicht öfter einen besseren Sound, haha.
Dosenmusik: Was war es damals, als ihr gerade als Band voran kamt und die ersten Leute plötzlich live das mitsingen, was du irgendwann auf ein Blatt Papier geschrieben hast? Das muss doch ein absolut intensives Gefühl sein, oder?
Chuck: Es ist ein absolut überwältigendes Gefühl. Einfach nur besonders...ich mein, das fing schon vor zig Jahren an, mit nur ein paar Freunden. Da waren es auf der ganzen Welt so ca. 4 Leute, die die Lyrics kannten. (lacht) Für uns war das einfach der beste Part an Hot Water Music, auch jetzt. Die Leute, die das alles hier supporten sind der Grund, warum ich hier sein kann, die Leuten, die sich dafür interessieren. Man muss als Künstler auch einfach anerkennen, dass diese Leute dafür verantwortlich sind, dass man so etwas machen kann. Viele Bands sitzen, wie wir in Amerika sagen, mittlerweile auf einem hohen Ross und vergessen, dass es die Fans waren, die Leute die stundenlang fahren, Spritgeld verballern, nur um einen spielen zu sehen. Für mich waren diese Leute immer der wichtigste Teil an der ganzen Sache.
Dosenmusik: Hast du in der nächsten Zeit vor, neue Songs für Hot Water Music zu schreiben?
Chuck: Wir haben momentan keine expliziten Pläne aber alle hätten Lust darauf, also wird es wohl irgendwann in der Zukunft passieren. Wir sind momentan einfach alle sehr beschäftigt, ich hab ein neues Album, Jason spielt Bass bei Senses Fail, Chris hat gerade ein Soloalbum aufgenommen, George ist daheim am Arbeiten und macht eventuell ein paar Shows mit mir und sowas. Also wie gesagt, es ist bei uns irgendwo im Kopf aber wir sind momentan einfach so beschäftigt. Es passiert schon, es ist nur eine Frage der Zeit.
Dosenmusik: Wieder zurück zu deiner Solo-Musik: Gibt es irgendwas, was du noch nicht probiert hast, eine bestimmte Art von Musik oder bestimmte Instrumente, die du noch nicht benutzt hast, die du unbedingt auf deinen nächsten Alben ausprobieren willst, um ein bisschen zu experimentieren?
Chuck: Oh ja, auf jeden Fall! Es gibt soviel da draußen, soviel zu lernen. Und das ist eine der coolen Sachen am Solo-Kram, ich bin nicht so limitiert. Bei Hot Water Music kommen wir als Kollektiv, als verschiedene Individuen zusammen, die ihre Vorstellungen vereinen müssen, um einen Song zu schreiben. Und wenn du so arbeitest, musst du immer auch andere überzeugen. Bei meinen Solo-Alben geht es nur darum, was ich gerade möchte. Es gibt aber auf jeden Fall so viele Instrumente, die ich gerne lernen würde. Ich hab daheim ein Piano, was ich gerne mehr einbringen würde, ich habs beim aktuellen Album im Hintergrund eingebracht. Aber ehrlich gesagt bin ich darin nicht so gut, hahaha!
Dosenmusik: Hot Water Music wird ja von vielen gerne als Einfluss angeführt, aber wovon würdest du sagen, dass du beeinflusst worden bist?
Chuck: Einige unsrer Lieblingsbands, ich mein, da könnte ich stundenlang Sachen anführen, weil alle 4 von uns alles mögliche gehört haben, Klassik, Rock, was auch immer. Aber einige der Bands, die uns sicherlich am meisten beeinflusst haben sind zB Leatherface, Midnight Oil, sowas, alle von uns haben den ganzen alten Punk/Hardcore-Kram gehört, die Sex Pistols, GBH, Germs, Bad Brains, auch neueres Zeug aus der Ecke. Ich weiß nicht, wie alt bist du?
Dosenmusik: 19.
Chuck: Ah ok, also wahrscheinlich für dich schon wieder altes Zeug!(lacht) Haha, ja Bands wie Minor Threat, der ganze Kram von Dischord Records, Longfish. Longfish waren eine wichtige Band für uns, Fugazi waren auch fantastisch! Ich könnte stundenlang weitermachen, aber eigentlich haben wir ohnehin alles mögliche gehört, von den Beatles über Bob Dylan bis zu den Bad Brains. (lacht)
Dosenmusik: Wenn du daheim bist und nicht gerade an irgendwas arbeitest oder so, findest du dann die Zeit, mal auf Shows zu fahren, deinen Lieblings-Plattenladen zu besuchen oder sowas?
Chuck: Joa, also Platten kaufen geht immer! Auf Shows gehe ich nicht mehr so viel, nicht weil ich nicht möchte, aber die kleine Stadt in der ich lebe, da gibts einfach nicht soviel. Die haben zwar eine wundervolle Musikszene, aber nicht wie das hier. Viel Folk, Bluegrass, viel Theater, Ausstellungen. Es ist halt so eine schöne kleine, alte Minenstadt in den Bergen. Aber wir fahren normalerweise gerne auf Shows, nur wenn man soviele Shows pro Jahr auf Tour sieht, dann will man, wenn man daheim ist, gerne was anderes machen. Meine Frau und ich arbeiten sehr viel im Garten, wenn wir daheim sind, genießen es, abends daheim zu bleiben, was zu kochen oder spazieren zu gehen.
Dosenmusik: Okay cool! Noch ein paar letzte Worte?
Chuck: Oh man, ich kann nicht genug betonen, wie großartig das für mich ist, hier in Deutschland zu sein. Ich mein, der Typ, der den Merch macht, Thomas Schindler, das ist der Typ, der uns damals mit Hot Water Music vom Flughafen abgeholt hat, hat uns damals nach Roßwein gebracht. Und er war unser erster Eindruck von Europa und jedes Mal wenn ich hier her komme, fühle ich mich, als nimmt er mich an die Hand hier in Deutschland. Und ich kann gar nicht ausdrücken, wie dankbar ich bin. Deutschland war immer einer der besten Orte weltweit und dafür bin ich so dankbar und ich werde es nie vergessen. Ich hoffe jedenfalls so oft wie möglich wieder hier her kommen zu können. Auf jeden Fall danke an euch und danke fürs Interview!
Dosenmusik: Danke dir auch!

Chuck Ragan: Vocals, Gitarre & noch mehr

www.chuckraganmusic.com

Autor: sop_yannick | 12. Mai 2008
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