Interview mit Bouncing Souls
Interview mit Pete am 09.09.2004 Nach 17 Jahren voller Punk...
Bouncing Souls Nach Strung Out führten wir auch mit den Bouncing Souls ein Interview. Diese Punkrockveteranen aus New Jersey sind nun schon einige Jahre dabei und haben während dieser Zeit vieles erlebt, aber sie hätten sich wohl nie gedacht, dass ihr Backcover des 2001er Albums "How I Spent My Summer Vacation" (ein brennendes Comic-New York, auf dem das überdimensionierte Maskottchen die Twin Towers einreißt) auf derart makabere Weise am 11.09.2001 Wirklichkeit werden würde. Für die Bouncing Souls, von denen die meisten auf dem Dach des Tourbusses pennten, stand uns Gitarrist Pete Rede und Antwort, zu Themen wie der Geschichte der Band und dem neuen politischen Engagement der Frohnaturen:

Dosenmusik: Gibt es die Bouncing Souls nun eigentlich schon 15 oder 17 Jahre lang?
Pete: Kommt drauf an, wen man fragt. Das erste Mal haben wir vor 17 Jahren zusammen gespielt, den Namen "Bouncing Souls" haben wir uns aber erst 1989 ausgedacht. Also würde ich eher 15 sagen.
Dosenmusik: Wieviele Jahre sollen da noch folgen?
Pete: (schmunzelt) Wer weiß? Das ist keine Sache, die man einfach so plant. So lange uns die Musik noch Spaß macht und wir etwas zu sagen haben, so lange wird's wohl weitergehen.
Dosenmusik: Habt Ihr jemals gedacht, dass Ihr so lange in der Punkszene aktiv sein würdet?
Pete: Das wusste ich vorher nicht, es hätte ja alles passieren können. Als wir mit der Band angefangen haben, waren wir bloß 4 Highschool-kids und ziemlich gelangweilt. Und irgendwie stehen wir nun nach 15 Jahren hier. Das ist die ganze Geschichte, aber ich habe nie erwartet, so lange dabei zu sein.
Dosenmusik: Es gibt auch eine DVD zum 15jährigen Jubiläum der Band, vertrieben durch Euer eigenes Label, Chunksaah Records, richtig so?
Pete: Ja.
Dosenmusik: Was ist da alles drauf und wieso sollten sich Euere Fans das Ding kaufen? Du kriegst nun ein bisschen Zeit, um Werbung zu machen.
Pete: Eigentlich handelt die DVD davon, was wir Jungs über die Jahre hinweg gemacht haben. Mit der DVD wurde ziemlich gute Arbeit geleistet. Sie liefert einen guten Überblick über die Geschichte der Souls, beispielsweise wo wir herkommen, was wir tun. Es gibt eine zweistündige Dokumentation, dazu ziemlich viele Extras wie ein paar Livesongs und alle Videos, die wir je gedreht haben. Alles in allem vielleicht 6 Stunden lang, eine Menge Zeug.
Dosenmusik: Das nenn ich mal wirklich viel Zeug!
Pete: Ja, ne Menge Kram, den man sich anschauen kann.
Dosenmusik: Was ist die witzigste Sache, die Euch in diesen 15 Jahren passiert ist, kannst Du Dich da an was Bestimmtes erinnern?
Pete: Es ist echt schwer, eine bestimmte Sache rauszupicken. Weißt Du, es kann jeden Tag soviel passieren, da ist es hart, nur eine Sache auszuwählen. Jeder Tag ist neu, jeder Tag ist gut, und Deine Freunde sind immer da.
Dosenmusik: Hast Du während dieser Zeit persönliche Helden kennen gelernt und warst nachher vollkommen enttäuscht, weil sie sich wie Idioten aufgeführt haben oder sogar welche waren?
Pete: Nee, das ist nie passiert. Ich habe ne Menge persönlicher Helden getroffen und die waren eigentlich alle recht cool.
Dosenmusik: Nun mal ein bisschen weg von der Geschichte der Band zur Band selber. Ich sehe die Bouncing Souls als eine Band, die Songs schreibt, die vom alltäglichen Leben, Spaß und Dingen, die wirklich wichtig sind, wie Freundschaft, handeln.
Pete: Richtig!
Dosenmusik: Also eine Band, die Songs aus einer sehr persönlichen Sichtweise schreibt. Was ist die Nachricht, die die Souls übermitteln wollen und was bedeutet es für Dich, ein Teil dieser Band zu sein?
Pete: Ich denke, Du hast die Frage schon mit Deiner eigenen Frage beantwortet. Die Leute mögen uns wegen unserer Ehrlichkeit, wir machen uns Sorgen darüber, was in unserem eigenen Leben, im Alltag, passiert und spielen Musik dazu. Die Leute können also nachvollziehen, was uns beschäftigt, wir sitzen quasi im selben Boot wie sie.
Unsere Musik ist eine schöne Musik, die ehrlich ist und mit der ich mich selber ausdrücken kann. Sie ist dazu da, um den Leuten dabei zu helfen, durch den ganzen Mist im Leben zu kommen und das ist es, was für mich wichtig ist.
Dosenmusik: Nun habt Ihr ein eigenes Label, wart auf BYO Records, seid dann zu Epitaph gewechselt. Momentan macht Ihr Euch dafür stark, dass George W. Bush nicht wiedergewählt wird, habt Euch dazu punkvoter.com (Anm.: Website, die sich dafür stark macht, dass junge US-Punkrocker wählen gehen und gegen Bush stimmen) angeschlossen und einen Song zum Rock Against Bush-Sampler 2 beigesteuert. Dafür habt Ihr einen Song namens "Born Free", der auch auf dem letzten Album war, in einer live-Version beigesteuert. Habt Ihr Euch entschieden, dass es an der Zeit war, etwas zu tun und politisch zu werden?
Pete: Nun ja, wir sind alle schon politisch, es war nur nie unser Stil als Band, über Sachen wie Politik oder die Vereinigten Staaten zu singen, oder Leuten vorzuschreiben, was sie oder wie sie denken sollen. Sowas hat mich immer gestört, Du gehst auf Konzerte und einer auf der Bühne schreit Dich an: "Fuck this...fuck that...fucking..". Aber wir hingegen wollen einfach nur ne gute Zeit haben, schreien nicht so nen Kram, so werden wir nie sein. Momentan jedoch scheint es so, als müsste man etwas unternehmen: denken. Amerika ist derzeit ein schlechter Ort, Du kannst es Dir einfach nicht leisten, die Klappe zu halten. Meine Band dachte, wenn wir ein Teil der Bewegung werden, mitmachen, dann würde das irgendwie helfen.
Dosenmusik: Ein Freund von mir hat letztes Jahr in den USA Urlaub gemacht. Er hat das Pentagon fotographiert, wurde danach von der Polizei schikaniert.
Pete: (erstaunt) Echt?
Dosenmusik: Ja, sie haben danach noch seine Daten überprüft und das wars dann. Euer Song "Born Free" kritisiert die gegenwärtige Lage in den USA, Leute werden eingesperrt, ihrer Freiheiten beraubt, während die Regierung vorgibt, dies alles nur zum Schutz der Bevölkerung zu tun.
Pete: Es hat einfach den Anschein, als ob die Regierung den 11. September und den Terrorismus als Schreckenstaktik benutzt, um den Leuten Angst zu machen und ihnen die Freiheiten wegzunehmen. Die Leute geben ihre Freiheiten so willig ab, das ist irre! Sie können sich momentan viele Sachen kaufen, durch die sie sich sicherer fühlen sollen, was aber absoluter Schwachsinn ist. Es ist, als ob ihnen die persönlichen Rechte weggenommen werden und die Leute damit keinerlei Problem haben.
Für mich ist das einfach nur verrückt.
Dosenmusik: Und als jeder dachte, die US-Punkszene würde sich gegen die derzeitige Regierung vereinigen und punkvoter entstand, tauchte auf einmal diese Seite, conservativepunk.com (Anm.: Gegenstück zu punkvoter: Punks, die sich für konservative Werte und Bush stark machen) auf...
Pete: Yeah! (lacht)
Dosenmusik: Für mich ist es irgendwie lächerlich, diese beiden Wörter in Verbindung zu bringen, "konservativ" und "Punk".
Pete: Ich hatte in letzter Zeit einige Gespräche mit vielen Leuten über dieses Thema, insbesondere in Europa. Ich denke, in Amerika ist es ein wenig anders. So ist halt die Meinungsfreiheit, Du darfst das denken, was Du willst. Für mich sind diese beiden Wörter wie ein Oxymoron: "conservative punk".
Schau doch nur, im Punk geht's um freies Denken. Vielleicht fühlen sich ein paar Kids aber auch mit konservativen Werten einfach wohler. Aber ich frage mich, wie so was Teil der Punkszene sein soll, für mich persönlich klingt das wirr.
Einige Kids machen das aber durchaus, rufen so was wie "Wir unterstützen Bush!", sogar einige Punks...
Dosenmusik: Typen wie Michale Graves? (Anm.: Ex-Sänger der reformierten Misfits und Kolumnist von conservativepunk.com)
Pete: Ja, ja. Solche Leute. Eine Menge Leute haben sich gegen Punkvoter ausgesprochen. Der Drummer von Blink 182 beispielsweise, der auch ein großer Konservativer ist. Die würden nicht auf einer Rock Against Bush-Scheibe sein wollen, weil er Bush unterstützt.
Dosenmusik: Blink 182, sagtest Du?
Pete: Ja, aber nur der Drummer.
Dosenmusik: Ach so, Travis Barker also. Denkst Du, er macht das nicht, weil er Angst hat, dadurch weniger Platten zu verkaufen?
Pete: Ich denke, er unterstützt einfach nur Bush.
Dosenmusik: Ach so, rein auf seiner politischen Meinung basierend also?
Pete: Leute haben halt ihre Meinungen und Werte, die ihnen auch zustehen. Über vieles lässt sich nur schwer streiten. Beispielsweise die ganzen schlechten Dinge, die man über George Bush hört. Aber eigentlich sind die, die hinter ihm stehen und die Strippen ziehen, mindestens genauso schlimm, er ist eigentlich nur eine Marionette.
Dosenmusik: Ihr wurdet auch Opfer von schlecht recherchiertem Journalismus. Ich kann mich daran erinnern, gelesen zu haben, dass Ihr, wie beispielsweise Gotham Road, pro Bush eingestellt seid. Sogar Wortführer für conservativepunk.com sollt Ihr angeblich sein. Eine Freundin einer Freundin hat daraufhin eines euerer Poster zerrissen. Ich nehme an, das alles kommt davon, dass der Webmaster von conservativepunk.com, Nick Rizzuto, ein Tattoo von Euch hat.
Pete: Ja, ja. Die New York Times hat mal einen großen Artikel über Rizzuto verfasst. Dort stand auch drin, dass er ein Tattoo von uns hat. Wenn Du bei Google nach konservativen Punkbands suchst, dann findest Du den Artikel, unseren Namen, der darin erwähnt wird und dass er ein Tattoo von uns hat.
Das haben einige Leute gelesen und haben uns dann in diese Ecke gestellt, anstatt erst mal selber mehr über uns herauszufinden. Das passiert oft.
Das ist ziemlich scheiße mit diesen Gerüchten und dem Getratsche. Einige unserer Fans waren ziemlich angepisst, da kamen Reaktionen wie: "Fickt Euch! Ich verbrenn Eure CDs!". Da kann man nichts gegen machen. Das stimmt nicht, das sind wir nicht, aber trotzdem ists zum Kotzen.
Dosenmusik: Nun mal eine persönlichere Frage. Du kommst aus New Jersey, stimmt das, unweit von New York?
Pete: Ja.
Dosenmusik: Der 11. September, Ground Zero, ist nun 3 Jahre her. Die ganze Welt war damals geschockt und ich kann mich selbst nicht erinnern, wann mich etwas, was ich im Fernsehen gesehen habe, so geschockt hat wie dieses Ereignis. Wenn Du nun zurückblickst, Ihr seid ja quasi eine Band aus der Nachbarschaft, wie hat sich das Leben seitdem verändert? Ist es das wert, persönliche Freiheiten für etwas mehr Sicherheit aufzugeben?
Pete: Damals, als es passiert ist, habe ich in New York gelebt. Meine Frau war zu dem Zeitpunkt dort. Als es passiert ist, waren wir in Europa auf Tour, wir sind dort am 10.9. angekommen. Wir standen am Anfang einer 10monatigen Tournee. Als wir am nächsten Morgen aufgewacht sind und es auf CNN gesehen haben, konnten wir es einfach nicht fassen. Ich bin dann einen Monat später zurück nach New York gefahren und New York hat sich vollkommen verändert, es war nicht mehr das, was es mal war.
Du musst halt einfach weitermachen, Dich nicht unterkriegen lassen, Du musst Dich dran erinnern, aber auch nicht zu lange. Es soll als warnendes Beispiel dafür dienen, was wieder passieren könnte. Aber ich denke, dass es nie wert ist, Deine Freiheiten aufzugeben, nur um Dich sicherer zu fühlen. Du wirst eh nie viel sicherer sein, es gibt keine absolute Sicherheit, unmöglich.
Dosenmusik: Würdest Du sagen, dass Patriotismus in den USA im Punkrock seinen Platz hat? Ihr habt ja auch eine Rubrik namens "Letters From Iraq" auf Euerer Homepage, bitte erzähl uns ein wenig davon.
Pete: Letzten Winter waren wir in Europa und haben so ne Gruppe Leute vom US-Militär getroffen, die zu unseren Shows gekommen sind. Waren echt coole Leute, so wie wir, weißt du. Die sind in der Armee, weil sie beispielsweise kein Geld haben, um anderweitig aufs College zu kommen. Jedenfalls wurden sie in den Irak geschickt, obwohl sie gegen den Krieg waren, dort nicht hinwollten und an die ganze Sache nicht glaubten. Wir wollten ihnen mit dieser Rubrik nur eine Chance geben, ihre Gedanken niederzuschreiben. Das ist cool, da es aus einer anderen Perspektive geschrieben ist. Du hörst etwas anderes als das, was im Fernsehen oder den Medien verbreitet wird, die Briefe zeigen die andere Seite von dem, was da unten abgeht. Direkt von den involvierten Menschen und nicht gefiltert durch irgendwelche Regierungstypen.
Dosenmusik: Gibt es nicht wenigstens eine gute Sache an George W. Bush? Beispielsweise, dass er eine Menge Bands dazu inspiriert, ihrer Wut auf die Regierung Ausdruck zu verleihen? Würde da nicht etwas fehlen, wenn die Punkbands keinen "Feind" wie ihn hätten, den sie adressieren können?
Pete: Es ist scheiße, etwas haben zu müssen, auf das man sauer sein kann.
Es gibt schließlich auch andere Sachen, wegen denen man angepisst sein kann, die ebenso schlimm sind wie George Bush. Soviel Wut gab es in den 90ern nicht, da waren mehr Leute glücklich, haben Liebeslieder geschrieben (schmunzelt).
Dann kam George Bush und die Leute sind wieder angepisst.
Dosenmusik: Du würdest also lieber Songs über positive Dinge schreiben, wenn er nicht da wäre?
Pete: Yeah, denn dann wäre die Welt ein besserer Ort.
Dosenmusik: Werdet Ihr eigentlich als alte Männer immer noch soviel saufen und BMX fahren?
Pete: Ja! Beides gleichzeitig, saufen und BMX fahren.
Dosenmusik: Hoffe, dass die Show heute abend gut wird. Danke für das Interview!
Pete: Okay, kein Problem!


Greg Attonito - Vocals
Michael McDermott - Drums
Papillon - Bass
The Pete - Guitars

www.bouncingsouls.com

autoren: born toulouse / pippilotta | 09.09.2004
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