Interview mit Arcana Cain im Juni 2007
Interview mit Boris und Markus im Juni 2007 Verwechselt uns mit allem – nur nicht mit Billy Talent!
Arcana Cain Dosenmusik: Was ist und was bedeutet Arcana Cain?
Boris Hager: Nun ja, das entstand bei der üblichen Suche nach einem passenden Bandnamen. Ich las zu diesem Zeitpunkt gerade "Der Geblendete" von Dean Koontz. In diesem Buch ist mir einer der bisher interessantesten Bösewichte begegnet: Junior Cain. Aus meiner Begeisterung für diesen Charakter und dem alten englischen Ausdruck "arcana" für Geheimnis, formte sich Arcana Cain. Für mich stellt der Name den dunklen, geheimen Ort im inneren einer jeden Person dar.
Dosenmusik: Hof kennt man noch daher, als man als Ossi aus Südthüringen direkt nach der Grenzöffnung in die erstbeste Stadt des Westens wollte, um das Begrüßungsgeld abzustauben. Seitdem hat sich aber auch nicht viel dort getan dort. Oder?
Boris Hager: Eher im Gegenteil: Die Einwohnerzahlen gehen ständig zurück, die Arbeitslosenzahlen steigen hingegen. Vom bayrischen Staat wird unsere Grenzregion eher mit Nichtbeachtung gestraft. Der Wirtschaft geht es somit natürlich auch nicht gut, vor allem dem Mittelstand und dem Einzelhandel. Ich schätze mal, dass fast die Hälfte aller Geschäftsflächen in Hof leersteht. Und als Jugendlicher haut man hier nach dem Abi sowieso schleunigst ab.
Dosenmusik: Wie wächst in einer Region, die sicherlich nicht zu den Hochburgen der Metal/Hardcoreszene gehört, eine Band wie eure heran?
Boris Hager: Wir alle machen Musik seitdem wir 15 oder 16 Jahre alt sind. Unsere Konzerte haben wir immer selbst organisiert und bis heute einfach nie damit aufgehört. Örtliche Indiediscos wie das Rockwerk und der Fernverkehr haben ihr übliches dazu beigetragen, dass sich eine alternative Szene entwickeln konnte. Mittlerweile ist es tatsächlich möglich, bei Konzerten von regionalen Bands einen Saal mit 300 Leuten zu füllen. Zurzeit organisiert ein Freund in Tims Location, der Grünen Haidt, viele Shows von Bands aus der ganzen Welt und nicht selten spielen die hier vor dem größten Publikum auf ihrer gesamten Tour. Auf dem Land geht eben mehr als in der gesättigten Großstadt!
Markus Künzel: Wir können uns wirklich nicht beklagen was unsere Region angeht. Ich betrachte es sogar eher positiv, Teil einer sehr überschaubaren Szene zu sein. Man kennt und respektiert sich und geht sogar auf die Konzerte der anderen Bands, selbst wenn man nicht auf deren Musik steht. "Support your local scene" funktioniert bei uns sehr gut. Auch gibt es kaum Berührungsängste zwischen den verschiedenen Stilrichtungen. Das Publikum hier ist sehr offen und sieht sich sogar eine softe Emoband und eine Grindcore-Combo am gleichen Abend an.
Dosenmusik: Größere Konzerte gibt es erst wieder in Nürnberg - muss man ansonsten immer die Schunkeltruppe auf jeder Kirmes supporten, um nach oben zu kommen?
Boris Hager: Okay, wir müssen zugeben, dass wir uns als Band noch nicht sehr weit von unserer Heimat entfernt haben. Wir waren diesbezüglich auch ein wenig faul, was das suchen von Shows angeht, aber das wollen wir jetzt ändern und unser Album unter die Leute bringen!
Dosenmusik: Bleiben wir bei den Konzerten: Ihr habt die Möglichkeit - von mir aus auch in Hof - ein Festival-Lineup eurer Wahl zusammenzustellen. Die Bedingungen: 5 Lieblingsbands, eine reine Mädchenband, eure liebste Chartband, eine tote Band, eine total angesagte und eine Band, die überhaupt nicht rein passt. Wen würdet ihr verpflichten und warum?
Boris Hager: Coole Frage! Gut, die fünf Lieblingsbands sind einfach: Die Princess Die, Transistor Transistor, The Death Of Anna Karina, Modest Mouse und The Blood Brothers. Die Mädchenband wäre bei mir ... äh McQueen, obwohl ich mir da jetzt gar nicht so sicher bin, ob da komplett nur Mädels dabei sind!? Als Chartband wären Tokio Hotel dabei! Die Jungs würde ich echt gern einmal kennenlernen. Die tote Band ist auch wieder einfach: At The Drive-In - die habe ich leider nie live gesehen. Ansonsten vielleicht noch Enter Shikari, weil die ja gerade der heißeste Scheiß sind. Irgendwie nicht wirklich reinpassen würde demnach dann Coaxial, die den genialsten abstrakten Hip-Hop der Welt machen.
Dosenmusik: Apropos verpflichten, wie kam es zu dem Deal mit My Favourite Toy?
Boris Hager: My Favourite Toy kenne ich als Label noch aus der Zeit, in der ich einen eigenen kleinen Plattenladen hatte und ich war eigentlich schon immer von der Qualität der dort veröffentlichten Sachen überzeugt. Dann wurden Elision unter Vertrag genommen, mit denen wir eng befreundet sind und so haben wir auch Dirk kennengelernt. Bei einer Show, die wir für Dirks Band A Sailors Grave veranstaltet haben, habe ich ihm eine CD von uns untergeschoben und am nächsten Tag hat er mir sein Angebot geschickt - muss ihm wohl gefallen haben.
Dosenmusik: Euer Album ist ein Re-release, was nicht selten an Filme erinnert, die als Special Edition mit 15 Extraminuten irgendwann wiederveröffentlicht werden. Schöne Sache, braucht aber meist keiner. Warum ist das bei euch nicht so?
Boris Hager: Weil es sich bei dem Release genau genommen um unsere selbst gemachte Erstpressung handelt, die wir unter einem eigenen Label vertreiben wollten. Jetzt haftet diesen CDs aber ein hübscher My Favourite Toy Sticker an.
Markus Künzel: Die Scheibe läuft zwar unter Re-release, ist aber eigentlich keines. Es gab bisher keinen Vertrieb für unsere CD, weshalb man sie auch nur beim Presswerk Flight13 oder auf unseren Konzerten kaufen konnte. Reviews gab es auch keine. Es ist also davon auszugehen, dass 99% aller deutschen Hardcore-Hörer noch nicht einmal unseren Bandnamen kennen.
Dosenmusik: Dann zum besser Kennenlernen: was ist der Kerngedanke des Albums? In welchem Zusammenhang stehen dazu die abgehackte Hand und die zerschnittenen Finger, die ja im Artwork und auf den Merchandise-Artikeln als immer wiederkehrendes Symbol fungieren?
Boris Hager: Einen bestimmten Kerngedanken gibt es in diesem Sinne eigentlich nicht. Es ist auch kein Konzeptalbum. Vielmehr kann man das Artwork mit den einzelnen Texten insofern miteinander verbinden, als dass die Texte Missstände in verschiedenen persönlichen Lebenslagen beschreiben, aus denen man sich befreien kann, indem man die schlechten Dinge erkennt und sich selbst dagegen auflehnt. Und sei es der eigene innere Schweinehund. Der Arm, die Hand und die Finger stehen hierbei für das Greifen nach der Lösung, was eben auch manchmal mit Schmerz verbunden ist.
Dosenmusik: Kommen wir vom Groben etwas ins Detail: die Fatah und Hamas knallen sich in Gaza und im Westjordanland die Kugeln um die Ohren. Israel, Libanon oder Iran - der komplette Nahe Osten droht auf Grund politisch-religiöser Konflikte zu explodieren. Welche Bedeutung und welche Rolle spielt dabei ein Song wie "I.N.R.I", den ihr mit "Individuality Neutralizes Religious Infection" untertitelt habt?
Boris Hager: Zugegeben, dieser etwas plakative Text spiegelt meine persönliche Einstellung und die daraus resultierende Wut auf Religion als weltliche Institution wieder. Was den Menschen Religion bisher gebracht hat, weiß jeder selbst und bedarf angesichts deiner aufgeführten Beispiele keiner weiteren Erklärung. Es geht in dem Song aber auch um die Notwendigkeit von Glauben und die menschliche Suche nach dem Sinn seines Daseins. Ich hab mich damit abgefunden, dass es auf viele Dinge keine Antworten gibt, aber deshalb blind einer Religion nachzueifern, halte ich schlichtweg für den falschen Weg.
Dosenmusik: Welchen Einfluss hat Politik, Kultur oder allgemein der tagesaktuelle Weltzustand auf euch persönlich und auf euch als Musiker? Wie spiegelt sich das in der Musik wieder, nicht nur gegebenenfalls textlich, auch musikalisch?
Boris Hager: Wir sind keine rein politische Band, vielmehr verarbeiten wir die Dinge auf einer zwischenmenschlichen Ebene. Ich maße mir nicht an, in jeder politischen Situation den Durchblick zu haben, aber wie man von diesen Geschehnissen im Alltag beeinflusst wird, darüber können wir Songs schreiben.
Dosenmusik: Man muss ja kein Tom Morello sein, der sein Gesicht für jede Demonstration hergibt, im Kleinen gesprochen: Wie wichtig sind heutzutage Inhalte in der Musik und auf welche legt ihr besonderes Hauptaugenmerk?
Boris Hager: Die Texte sind mir sehr wichtig und nehmen bei mir in der Musik 50% ein. Ich bin leider kein Philosoph oder Dichter, versuche aber trotzdem einigermaßen anspruchsvolle Zeilen aufs Papier zu bringen. Meine Inhalte sind sehr persönlich gehalten, ich denke aber trotzdem, dass jeder in der Band oder auch jemand Außenstehendes sich irgendwo damit identifizieren kann.
Markus Künzel: Für mich als Hörer sind Texte wichtig, aber auch genreabhängig. Nimmt die Band sich und Ihre Aussagen ernst oder nicht? Ich kann beispielsweise über einen Text der Kassierer schmunzeln, weil ich es als Spaß auffasse. Probleme habe ich jedoch mit Bands, die versuchen eine bestimmte Weltanschauung als die einzig wahre zu verkaufen. Egal, ob es die von Hitler, Christus oder Ian MacKaye ist.
Dosenmusik: Euer Song "Hey, Nice Haircut!" hat etwas von einer Parodie der üblichen Myspace-Kommentare unter den Bildern 17-jähriger Girlies. Ist der oberflächliche Schein erst einmal wichtiger als der ganze Rest? Warum dreht sich der Song?
Boris Hager: Ja, der Song soll einfach ein wenig unsere "Szene" und deren Modeerscheinungen provozieren! Wer sich nicht entsprechend kleidet, die Haare nicht stylt und sich nicht so verhält, wie man es erwartet, der wird auch nicht akzeptiert. Von einer toleranten Hardcore-Szene kann man also mittlerweile nicht mehr sprechen. Wobei wir uns da selbst nicht ausnehmen, wie schon der Chorus am Schluss anprangert: we are the fashion whores!
Dosenmusik: Die vermutete Ironie setzt sich fort: "Jerry Bruckheimer Made Me Do It". Habt ihr Fluch der Karibik 3 auch schon für genauso überflüssig befunden wie den Teil davor? Wie steht ihr zu Jerry Bruckheimer, dem Regisseur und Produzent des Bombast-Mainstreams?
Boris Hager: Ja, das ist wohl einer der Texte, mit dessen Aussage ich ziemlich allein dastehe. Ich sammle Filme seit ich zwölf bin und arbeite seit Jahren als Filmvorführer in einem Kino. So bekommt man den Verfall der Filmindustrie hin zum hirnlosen Kommerzdrecklieferanten besonders stark mit. Interessant ist für mich daher die Frage: gibt Hollywood den Geschmack vor oder reagieren die nur auf das zunehmend anspruchslos werdende Publikum? Diese Thematik lässt sich dann wiederum auf die Gesellschaft übertragen, in der im Moment wohl eher Spaß und billiges Entertainment angesagter als Nachdenken ist. Und ja, ich hasse alle Filme von Jerry Bruckheimer!
Dosenmusik: Witzig war auch der Kommentar in eurem Profil, ihr wäret "die Billy Talent aus Hof". Wenn man beim Sprechen nuschelt, hören manche bei eurem Namen auch die Band Acacia Strain raus. Welche Verwechselung wäre euch lieber?
Boris Hager: Ähm ... dieser Kommentar beruht auf einer Aussage meinerseits, als ich uns bei einer der letzten Shows mit eben diesen Worten dem Publikum vorgestellt habe. Auf der Bühne höre ich irgendwie mit dem normalen Denken auf und fange an Müll zu reden wie du siehst. Und verwechselt uns mit allem – nur nicht mit Billy Talent!
Markus Künzel: Ich finde solche Sprüche ganz lustig. Wir haben uns auch schon als "Slayer aus Oberkotzau" vorgestellt. Sowas bricht oft das Eis und soll zeigen, dass wir keine superernsten Toughguys sind. Die Verwechslung mit The Acacia Strain wäre mir sicher lieber - tolle Musiker, die sich nie dem Mainstream angebiedert haben. Über Billy Talent sage ich an dieser Stelle nur: sie machen Stadionrock! Punkt.
Dosenmusik: Und wenn wir einmal beim Verwechseln sind: ihr müsstet sechs Songs covern, drei, die ihr verehrt als Band und drei, die auf jeden Fall verbessert werden müssten. Welche wären das und warum?
Boris Hager: Gerne covern würde ich "Bury Me With It", meinen Lieblingssong von Modest Mouse, "Memphis Will Be Laid To Waste" von Norma Jean, und "Wolf Like Me" von TV On The Radio. Letzteres haben wir schon zweimal live versucht, einmal war es okay, das andere Mal haben wir den Song so derbe verhunzt, das hat mir richtig weh getan. Zu den anderen drei kann ich nur sagen, dass ich es mir nicht anmaßen würde, einer Band ihren Song zu verbessern, egal ob er mir gefällt oder nicht.
Dosenmusik: Wer ist Silvia H., der das Album gewidmet wurde?
Boris Hager: Das ist meine Mutter. Sie ist während der Aufnahmen zu dem Album an Krebs gestorben. Dieses Ereignis hat ganz deutliche Spuren auf den Aufnahmen hinterlassen, vor allem was meinen Gesang angeht. Ich habe daraufhin auch den Text zu "Cure For" im Studio geschrieben und auch das Einsingen und die ganze Zeit mit Freunden im Studio haben mir da sehr geholfen. Somit waren auch alle einverstanden, dass wir ihr unser erstes Album widmen. Sie hat mich und unsere Musik auch immer unterstützt. Sie hat uns auch damals unsere erste Gesangsanlage geschenkt.
Dosenmusik: Wie sieht der (gesponnene) Masterplan aus? Wo sieht man euch 2010? Frustriert in anderen Bands oder vor 15.000 Japanern in Tokioer Arenen mit Billy Talent als Support?
Boris Hager: Ich mache mir da eigentlich keine großen Gedanken drüber. Mit der Musik, die wir machen, wird sich an unserer Situation nicht viel ändern, was ich auch gut finde. Es ist schön jetzt von einem Label unterstützt zu werden und wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann mit der Band in möglichst vielen Ländern aufzutreten und dabei viele nette Menschen kennenzulernen! Aber Ausverkauf kommt mir nicht in die Tüte!
Markus Künzel: Mir geht es da ähnlich. Ich habe zwar - wie wahrscheinlich jeder Musiker - so meine Träume, möchte aber immer meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden: Künstler und nicht Dienstleister zu sein. Ich würde auch gerne als Band in der ganzen Welt rumkommen, da hat man es mit einem Major-Deal sicher einfacher. Allerdings schreckt mich die Tatsache ab, dass fast alle Hardcorebands, die diesen Weg gegangen sind, plötzlich angepasster und massentauglicher klangen als vorher. Meist ging damit auch die alte Fanbasis flöten und nach kurzer Zeit war die Band komplett verheizt. So nicht.
Dosenmusik: Vielen Dank für das Gespräch.
Boris Hager: Ich danke auch.


Markus Künzel - Gitarre, Gesang
Michael Drechsel - Bass
Tim Ludwig - Gitarre
Markus Vogler - Schlagzeug
Boris Hager - Gesang

www.arcanacain.de

autor: Christoph Schwarze | 18. Juli 2007
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