Interview mit 4lyn
Interview mit Ron Cazzato am 24.04.08 im Luxor Köln Der Ron geht aufs Land und wird Bauer.
4lyn Zum Ende ihrer deutschlandweiten "Hello"-Tour hatte ich die Ehre mit 4lyn-Sänger Ron Cazzato zu reden. Nach einer kurzen Diskussion waren die Rollen des interregionalen Superstars und die des unbedeutenden Reporters verteilt - Ich erspare dem Leser hiermit den etwas spannungsgeladenen ersten Teil des Interviews und steige direkt mit dem Wesentlichen ein, was schließlich auch genug Lesestoff bietet.
Gitarrist René Knupper hat übrigens mittlerweile die Band verlassen, was zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht feststand.

Dosenmusik: Seit Anfang des Jahres ist euer neues Album erhältlich. Warum habt ihr es "Hello" genannt?
Ron: Den Song "Hello For You I'm Dying" hatten wir schon bevor wir überhaupt wussten, wie das Album heißen sollen. Wir wollten einen universellen Titel haben, etwas was man auf der ganzen Welt sagt, und "Hallo" auf allen möglichen Sprachen von "Konnichi wa" bis "Bonjour". Wir wollten die Leute begrüßen, weil das erste Mal weltweit veröffentlicht wird und das ist unser Hallo an den Rest der Welt da draußen. Deutschland, Österreich, Schweiz kennt uns ja zu genüge mittlerweile, der Rest ist jetzt dran.
Dosenmusik: Also World Domination Tour...
Ron: Domination...World Penetration!
Dosenmusik: Ihr habt von Album zu Album weniger Rap-Elemente in die Songs aufgenommen. Woran liegt das?
Ron: Vor sieben Jahren war Rap-Metal das Ding, und deshalb sind wir auch gesignet worden, weil wir damals schon lange bevor wir 4lyn wurden Rap und Metal gemischt haben. Damals war es Crossover, dann wurde es Nu Metal, jetzt ist es irgendwas anderes. Es war einfach so, dass wir nach dem zweiten Album gemerkt haben, also nur Rappen, ich weiß nicht... es war auch so eine Sache die mir am Herzen lag, ich dachte mir, das kann es nicht gewesen sein, ich kann bestimmt noch mehr. Und genau das sagt sich auch jedes Bandmitglied noch ständig: Was kann ich denn noch, außer das, was ich schon gemacht hab? Das ist genau diese Evolution, die die Band auch am Leben erhalten hat. Wenn wir jetzt immer das selbe gemacht hätte, wie auf der ersten Platte, was natürlich viele Hardcore und Oldschool-Fans gerne gesehen hätten, aber das waren halt nicht wir. Wir sind eben Leute, die sich ständig und stetig weiterentwickeln und uns ständig umgucken, was können wir noch machen? Wenn wir also bald ein Klassik- oder ein Country-Album machen, dann ist das auch aus unserem Wunsch heraus passiert. Das gute bei 4lyn ist, du hörst immer, wer es gemacht hat. Nicht nur an der Stimme, aber die Gitarrenarbeit, die Art der Drums, die Melodieführung. Allein vom Energielevel her würd ich sagen, 4lyn ist da unverkennbar.
Dosenmusik: Euer Album "Take It As A Compliment" klingt eher wie eine Abrechnung, "Hello" eher wie eine Liebeserklärung...
Ron: Wie eine Abrechnung? Wow! Stimmt sogar, der Song selber ist eine Abrechnung. Ich bin generell nicht derjenige, der sich vor die Kamera setzt und Leute persönlich anspricht und sagt: Den kann ich nicht abhaben. Manchmal schon, wenn das so Bands sind, wo ich denke: Die mach ich jetzt weg, die kriegen jetzt von mir eine Abreibung, also eine verbale. Aber Take it as a Compliment war der erste Song der für das Album auch fertig war, die erste Demo, und ich würde sagen, es ist einer der besten Songs die 4lyn jemals gemacht haben, aber auch der Text war innerhalb von zwanzig Minuten fertig. Da gab es gar keine Frage.
Dosenmusik: Das sind oftmals die besten Songs, oder?
Ron: Schon! Aber ich finde zum Beispiel auch "Cowboys", der ist schon sechs Jahre, der ist jetzt auf der Platte, der sollte auf die Neon drauf. Haben wir aber nicht gemacht, er klang zu sehr nach anderem Kram. Wir haben ihn jetzt grundlegend verändert. Der Strophentext hat sich immer nur geändert, vor drei Jahren wars: "Since five years we keep riding through this..." ein Jahr später war es dann "since six years" und jetzt ist es "since eight years". Aber um noch einmal auf die Frage zurückzukommen, "Hello" ist so wie alle unsere Alben, eine Liebeserklärung an die Musik, aber auch an uns selbst. Ich bin in dieser Band seit 13 Jahren, seit dreizehn Jahren richte ich mein Leben nach diesen Jungs, und die nach mir. Es ist also ein stetiges Miteinander, und jedes Album ist so als ist die Band auf Tour schwanger geworden und hat ein neues Baby rausgebracht. Ich würde sagen "Hello" und "Take" sind sich vom Sound her ein bisschen ähnlich, weil auch der selbe Produzent. Aber wir sind nicht mehr so böse, wir sind irgendwie glücklich. Wir waren ja auch lange nicht unterwegs. Compadros war ein wirklich böses Album, da habe ich mir gesagt, da kriegen sie alle ihr Fett weg: Medien, Plattenfirma, Booking Agentur, alte Bekante, Ex-Freundinnen... sie haben alle kassiert. Auf "Hello" kassieren vielleicht zwei oder drei Leute.
Dosenmusik: Achso.
Ron: Ja komm, das ist der einzige Weg wie ich diese Leute erreiche! Das sind Leute von denen ich weiß, die hören sich das Album an und auch nur die fühlen sich angesprochen.
Dosenmusik: Wie würdest du die Musikentwicklung, besonders die deutsche, in den letzten Jahren beurteilen?
Ron: Ziemlich schlecht. Wir haben ja nun schon wirklich viel von der Welt gesehen. Und gerade Deutschland scheint immer besonders viel Wert darauf zu legen, eher minderwertige Musik rauszubringen als Künstler die wirklich was zu sagen haben. Die Künstler die es wirklich geschafft haben, auch wenn es nicht hundertprozentig meine Musik ist, Bands wie Silbermond oder Wir sind Helden die haben sich selbst gemacht. Die sind aus eigener Kraft dahin gekommen, wo sie jetzt sind. Oder auch die Ärzte, Rammstein. Die haben irgendwann festgestellt, die Musikindustrie ist shady und es freut mich, dass solche Bands Erfolg haben. Ich freu mich auch für die deutschen Rapper, auch wenn ich den Großteil davon überhaupt leiden kann. Ich freu mich, dass sie tough genug waren und eine Multimillionen-Industrie daraus zu machen. Und die Rockbands fangen jetzt auch an, es genauso selbst zu machen. Als im Jahr 2000 Internet und Napster und alles losging, wusste ich genau, es wird sich in den nächsten zehn Jahren irgendwas richtig ändern. Und Bands wie Radiohead haben es vorgemacht. Die bringen ein Album raus und Scheiß drauf, Scheiß auf die Plattenfirma. Wir haben das Glück, dass wir bei unseren eigenen Plattenfirma bei Leuten sind, die uns seit zehn Jahren vertrauen. Die seit zehn Jahren Geld in uns investieren, Support und Unterstützung und uns dahin bringen, wo wir wollen. Ich denke mal, würden wir dieses Label nicht haben, würde ich auch zu keinem anderen Label gehen, sondern selbst eins gründen.
Dosenmusik: Würdest du also sagen...
Ron: Aber ich schweife immer ab, irgendwie bin ich heute nicht so... Die deutsche Musiklandschaft, ich würde mich freuen, wenn es mal mehr gäbe als diese ganze Hamburger Schule Bands, dieses Tomte, Kettcar Zeug. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Eier. Es muss doch mehr geben als immer nur dieses Gejaule! Wo sind die Helden, wo sind die Breitbeinigen, wo sind die Leute mit Mumm in den Knochen? Ich hab das Gefühl in Deutschland rennt heute viel zu viel weinerliches Getue rum. "Alles ist so schlecht, alles ist so grau", ja dann ändert doch was, aber mault nicht nur rum! Wir haben auch was geändert! So!
Dosenmusik: Könntest du dir denn vorstellen aus Deutschland wegzugehen mit der Band, in irgendein Land, wo dir mehr Möglichkeiten offen stehen?
Ron: Nö. Ich weiß der Trend geht momentan dahin. Raus aus Hamburg ist schon schwer, aber ich überlege gerade, mir etwas auf dem Land zu suchen, weil mich die allgemeine Situation im Land doch ziemlich fertig macht. Ich geh auf die Straße und die Leute sind alle nur gestresst, nur genervt, haben kein Geld, müssen doppelt so hart arbeiten, um die Hälfte davon zu verdienen. Das macht mich fertig. Ich brauch mal etwas Ruhe. Mein Job besteht aus Lärm, Hektik und hysterischen Menschen. Und deswegen hab ich zu meiner Familie gesagt, wie wäre es denn damit, irgendwo, wo der nächste Nachbar ein Kilometer weit weg wohnt. Das ist das, was mir momentan sehr am Herzen liegt. Wir touren viel, das heißt wir verdienen viel Geld, wer weiß, vielleicht ist es bald so weit, der Ron geht auf's Land und wird Bauer.
Dosenmusik: Reicht also das Geld, das ihr mit der Band verdient aus, oder habt ihr noch andere Jobs?
Ron: Wir machen schon ein bisschen was nebenher. Sascha gibt Schlagzeugunterricht, macht viel Grafik- und Fotokram für andere Leute, Björn produziert gute junge Bands, René gibt Gitarrenunterricht und ist auch als Songwriter tätig. Ich arbeite im Filmschnitt bei unserer Plattenfirma mit, arbeite an Musikvideos, ich schneide die, bin Cutter, die treibende Kraft. Meine Eltern haben auch ein Süßwarengeschäft, manchmal bin ich da auch noch. Nicht weil wir das unbedingt brauchen, aber wir hatten in letzter Zeit viel Freizeit. Dank unserer tollen letzten Booking-Agentur.
Dosenmusik: Was war mit der?
Ron: Die dachten, drei Gigs im Jahr reichen, um davon leben zu können. Das kommt dabei rum, wenn man... nein das sag ich jetzt nicht.
Dosenmusik: Aber dieses Jahr habt ihr ja wieder genug Konzerte.
Ron: Das letzte Mal haben wir so lange und so exessiv getourt 2002 zur Neon-Platte. Wir haben gerade fest zugesagt bekommen, dass wir 2009 eine Tour durch Japan machen, wo wir dann die Vorband von Insolence sind, weil uns kennt da ja keiner. Da ist ein neuer Markt, ein hungriger Markt. Gerade in Deutschland sind die Leute irgendwie platt, weil du dir hier jede Woche eine dicke Band angucken kannst, egal wann, egal wo, zu welcher Tages- und Nachtzeit. Und es gibt halt Länder, da ist das nicht so, und darauf freuen wir uns besonders.
Dosenmusik: Was ist mit euren Spitznamen, woher stammen sie und benutzt ihr sie noch?
Ron: Die gibt es nicht mehr. Mein Name "Brazz" stammt noch von früher, ich komme ja aus dem HipHop. Wenn viele Leute miteinander arbeiten ist es einfacher sich die Nicknames zu merken. Künstlernamen gehören halt einfach dazu. In meinem Fall hab ich "Brazz" einfach abgelegt, weil das mein alter HipHop-Tag war, aber das Ding ist durch. Wenn Leute jetzt kommen und sagen: Hey Brazz! Dann sag ich Brazz ist tot, Brazz wurde erschossen. Die Person ist natürlich noch da, aber das Pseudonym ist tot. Ich bin nach wie vor der selbe Freak auf der Bühne, drehe durch und gehe an meine Grenzen. Chi und Dee sind so die einzigen beiden Namen, die sind glücklich damit. Aber unterschiedlich. Mal nennen wir uns Björn und Sascha, René und Ron und mal anders.
Dosenmusik: Würdest du euren Musikstil ändern, zum Beispiel etwas mehr in Richtung Emo, wenn...
Ron: Ich weiß bis heute nicht, was das ist, aber ich hör auch wenig Rockmusik in letzter Zeit. Hey, weißt du was Emo ist?
(Amerikanischer Kollege im Tourbus): Emotionale Musik. Ihr seid an der Grenze dazu.
Ron: Ja? Ist es cool?
(A.K.I.T.): In den Staaten ist es nicht so cool, hier ist es vielleicht etwas anders.
Ron: Aber mal im Ernst. Ich hör kaum Rockmusik oder Metal momentan, weil mich vieles einfach nicht mehr umhaut.
Dosenmusik: Was hörst du denn?
Ron: Viel HipHop wieder, aber nichts von den neuen Sachen. Auch nicht diesen Gangsterkram, da muss ich jedes Mal so hart lachen, das geht gar nicht. Ich hör momentan viel Danko Jones, das ist Rockmusik für mich, das ist Musik die mich glücklich macht. Wir haben auch die neue Emil Bulls Platte im Bus, oder auch Dredg. Aber auch viel, was die Jungs (Insolence) mitgebracht haben. Das ist das schöne, wenn man mit einer Ami-Band unterwegs ist, du hast auf einmal ganz viele andere Musikrichtungen im Bus. Ich hör auch viel Reggae momentan, ist auch klar, wegen Insolence. Aber jetzt werden wieder viele durchdrehen wenn sie das lesen im Internet, aber ich höre einfach viel 4lyn. Das ist definitiv meine Lieblingsband. Und das kann ich von der Brust weg sagen, auch wenn jetzt viele sagen oh nee... 4lyn macht einfach die Musik, die ich geil finde. Und ansonsten ist da momentan nicht viel anderes. Ich hör auch viel Curse, Samy Deluxe, die neue Dynamite Deluxe ist der Knaller. Und ich habe Slayer wieder für mich entdeckt vor ein paar Wochen. Und die neue Emil Bulls Platte, da muss ich mich erst reinhören, aber ich hab die Demos schon lange vor euch gehört und da wusste ich das Ding wird ein Brecher, und ich freu mich für die Jungs, dass sie zu ihrer alten Energie wiedergefunden haben. An dieser Stelle auch einen schönen Gruß an die Jungs. Die neue Donots-Scheibe ist auch toll.
Dosenmusik: Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
Ron: Rein zukunftsmäßig ist bei 4lyn alles ausgebucht. Wir haben eine Mörder-Zukunft aber wir werden kaum Zeit haben sie zu genießen, weil wir die Zukunft sind. Wir sind diejenigen um die es sich in der nächsten Zeit drehen wird in unserem Leben. Ich wollte schon seit Jahren mein deutsches Soloprojekt fertig haben, 2-7-7, drei Songs haben es bisher geschafft, mehr hab ich nicht.
Dosenmusik: Was ist es denn? Erzähl mal.
Ron: Ich will mich da nicht so weit aus dem Fenster lehnen, aber ich hab es meinen Familien, engsten Vertrauten und meiner Band vorgespielt, und Björn hat Tränen gelacht. Und wenn ich Björn zum Lachen bringe, dann ist das ein gutes Zeichen.

Gesang: Ron "Braz" Cazzato
Gitarre: René "Russo" Knupper
Bass: Björn "Deee" Düßler
Schlagzeug: Sascha "Chi(no)" Carrilho

www.4lyn.de

Autor: panic-at-my-disco | 2.5.08
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