cd-reviews
Interpret: Dale Cooper Quartet & The Dictaphones
Titel: Paroles de Navarre
Label: Denovali Records
Erschienen: 26.11.2010

Bewertung:
Autor: 10 von 15 (CUBTB)
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  Cover

Jazz
Tracklist: 01. Ta Grenier
02. Une Cellier
03. La Boudoir
04. Aucun Cave
05. Ma Dressing
06. Ma Couloir
07. Sa Vestibule
08. Mon Bibliothèque
09. Elle Corridor
10. Lui Hall
Der Mond erhellt die nasse Straße von irgendwoher ertönen Klänge eines Saxophones. Dieses Instrument hatte mich schon immer fasziniert aber ich habe nie gelernt es zu spielen. Ich gehe weiter, doch der Klang lässt mich nicht mehr los. Ich schaue mich um, das einzige Licht neben dem Mond ist in einem Dachboden dort oben. Ich frage mich wer das Instrument wohl spielt, ob er sich genauso allein fühlt? Ob ihn die Sehnsucht nach seiner Geliebten zu diesen Tönen hinreißen lässt?

Meine Gedanken wandern zu meiner Geliebten. Es fängt an zu regnen, der Saxophonist wird leiser, er war definitiv dort oben im Dachboden. Der Regen wird immer heftiger, durchnässt kämpfe ich mich zum Haus der Dictaphones. Die Tür knarrt beim öffnen und ich frage mich ob meine Ankunft unbemerkt geblieben ist. Dictaphones, Abstellraum, so lautete die Botschaft von Navarre. Ich erkunde das kleine runtergekommene Haus. Es strahlt die gleiche Depression aus wie sie nun überall in den Schlagzeilen steht. Der Abstellraum, endlich gefunden, die Tür hängt lose in den Angeln und ich öffne sie vorsichtig. Leer, wunderbar, diese Leere hat auch etwas befriedigendes man weiß wenigstens das man nach nichts mehr suchen muss. Doch gerade als ich mich umdrehen will sehe ich den Zettel im Dunkeln. Boudoir, damit ist sicherlich die Jazzbar gemeint, nicht der architektonische Baustil, obwohl dieser, dieser Abrissbude sicherlich gut tun würde. Aber wer hat schon das Geld sich so was zu leisten. Ich hasse diese Schnipseljagt, aber es hilft nichts. Das Boudoir ist einer dieser Schuppen in denen es von Straßenschlägern und Säufern nur so wimmelt, doch wenn die Musik erklingt sind sie alle lammfromm und lauschen den langsamen Tönen der Jazzband.

Wenn dann noch die bezaubernde Mrs. Peaks auftritt verstummen sie alle und lauschen ihren Künsten. Endlich angekommen, die Band ist wieder in ihrem Element. Die Klänge aus dem nicht unterkellerten Raum verbreiten ihre warme doch depressive Stimmung überall hin aus. Ich stehe mit meinem Nassen Trenchcoat im Flur und die Stimmung übermannt mich. Plötzlich fühle ich mich zwischen all diesen Menschen allein, verloren und suchend nach einem Sinn. Meine Gedanken schweifen ab, die sphärischen Klänge die mich an eine Hölle glauben lassen, schicken einen Schauer über meinen Rücken. Mir scheint so als würden die Grenzen zwischen Realität und der Phantasie verschwimmen. Der noch eben kleine Raum verwandelt sich in eine riesige Vorhalle. Wieder bin ich allein, doch es klingt so als würden Stimmen zu mir rufen. Ich kann nicht verstehen was sie sagen, ob sie überhaupt etwas sagen oder nur ihr Leid klagen. Unbehagen überkommt mich. Die Dunkelheit ist kein Segen. Ich bilde mir ein Dinge zu sehen oder bilde ich sie mir gar nicht ein. Diese Dunkelheit nimmt mich gefangen, die Geräusche verunsichern meine Sinne, bin ich noch immer in einer Vorhalle oder doch in einer Bibliothek? Meine ausgestreckten Arme verringern die Distanz zu etwas, irgendetwas ist dort in der Dunkelheit, meine Finger berühren es. Nass und kalt, dennoch lebendig, senden meine Fingerspitzen an mich zurück. Erschrocken reiße ich die Hände zurück. Ich verliere den Halt, verliere das Gefühl wo oben und unten ist. Nur diese vereinsamten Klänge, dieses Dröhnen begleitet mich auf einem unbekannten Weg. Es klingt nach einer Fabrik, bin ich dort? Habe ich nur eine kalte Maschine berührt? Ich vertraue meinem Verstand nicht mehr wo ist das Boudoir. Wo sind die Menschen, wo sind die Stimmen, alles erscheint so surreal, Licht und Schatten spielen sich gegenseitig aus. Die Töne die ich hören kann klingen unmenschlich. Eher nach Geräuschen entstanden aus Maschinen die es nicht geben dürfte. Mein Kopf fühlt sich an wie nach einem Absinthrausch. Die Töne verdichten sich zu einem Klopfen welches mich anzutreiben versucht. Denn dieses Klopfen erinnert an etwas Menschliches. Ist jemand mit mir in diesem Raum? Bin ich allein? Noch nie habe ich mir so sehr die Einsamkeit gewünscht wie in diesem Moment. Die Dunkelheit ist niemals dein Freund, das habe ich damals im Krieg schon erlebt. Nachts, wusstest du nie ob du noch lebst oder doch gestorben bist. Der Tod war allgegenwärtig. Diese gleichen Gefühle beschleichen nun auch mich, bin ich Tod oder durchlebe ich nur einen Alptraum. Bin ich noch immer in der Jazzbar und bin dem Absinth erlegen? Ich kann mich nicht daran erinnern etwas getrunken zu haben. Doch die Sekunden, die Stunden, die Tage, die letzten Wochen sind auch so an mir vorbei gezogen. Ich kann mich nicht einmal an den heutigen Morgen erinnern. Nur an die Dunkelheit und die Nässe. Plötzlich gibt mir ein Klavier den Halt den ich gesucht habe. Zwar erinnert es mich an kein Klavierstück welches ich jemals gehört habe, aber es klingt so beruhigend. Ich fühle den Boden unter meinem Rücken, die Musik in meinen Ohren und die Tränen auf meiner Wange. Diese Komposition hat so etwas vertrautes, ich hören das Saxophon, die gleichen Töne wie zuvor, dazu ein leises Schlagzeug, ich bin noch immer in der Bar. Ich bin mir sicher auch wenn ich sie nicht sehen kann. Ich höre die Musik, ich spüre die Schwingungen der Saiten. In diesem Moment eröffnet sich ein ganz neues Verständnis für Musik. Jazz, die Mutter aller Improvisationen, die Aneinanderreihung von Zufällen die doch ein stimmiges Gesamtes ergeben. Selten habe ich Musik bewusst so erlebt wie in diesem Moment. Ich liege hier und nichts scheint mehr so beängstigend, die Dunkelheit wird doch wieder mein Freund. Die Toten werden meine Freunde, ihre Gesichter lächeln, sie sind nicht in der Hölle in der ich mich wähnte, sie sind bei der Musik. Dieses Gefühl gibt mir Sicherheit, ich gebe mich den Klängen hin die mich sanft umschmeicheln. Doch nach und nach scheinen sie sich wie ein Schleier über mich zu legen, sie wollen mich zu verhüllen, steigern sich unaufhörlich bis die Töne dissonant werden, bis wieder eine Unruhe entsteht dich mich erneut beängstigt. Mrs. Peaks singt, oder ist es ihre Zwillingsschwester? Sie schreit, als ob es sie gequält wird, ich sehe sie nicht ich spüre nur wie sich alles wieder dreht. Die Gesichter meiner toten Kameraden sind schon längst zu grotesken Fratzen verzogen. Ich drehe mich auf den Bauch, den Blick auf den schwarzen Boden unter mir gerichtet. Die Schreie werden leiser, die Musik verstummt und ich höre nur dieses Klopfen. Ist es mein Herzschlag? Laut genug könnte er sein, aber er ist so verflucht langsam und irgendwie unregelmäßig. Ich blicke nach oben und sehe Licht, einen Korridor. Kriechend bewege ich mich in Richtung des Lichts. Ich kann nicht aufstehen meine Beine zittern und ich fühle mich schwach. Doch ich muss zum Licht, raus aus dieser Dunkelheit, raus aus diesem Elend. Sanfte Frauenstimmen begleiten mich, dazu mein Herzschlag der sich immer mehr nach einem Zug anhört, weitere nicht menschliche Klänge stoßen zu mir und meinen Gedanken. Diese drehen sich nur noch um eines zurück zukehren, diesen Alptraum zu verlassen und wieder zurück in der nassen Pariser Straße zu stehen die ich bisher immer verdammt habe. Alles verstummt als ich eine große Halle erreiche, das Licht versiegt, langsam als ob es jemand willentlich dimmen würde verschwinden auch die letzten Strahlen. Ich bin wieder allein zusammen mit meinen verlorenen Kameraden und dieser unheimlichen Stille. Eine Stille begleitet von Instrumenten die ich schon lange nicht mehr differenzieren kann, einer Stille die bedrohlicher wirkt als jeder Geschützlärm es jemals tat. Saiten werden angespielt und zu Klängen gezwungen die mich verzaubern und verstören. Dann das Saxophon, so melancholisch, so bedrückend, so ohne jede Hoffnung. Ich schließe die Augen und lasse das Saxophon erneut auf mich wirken. Die Melodie erinnert mich an den Dachboden, an die Realität die ich einst kannte. Ich versinke im Boden, wie Schlamm umspült er meinen Körper, ich versinke zu den Klängen der Zwillinge Peaks. Die perfekte Untermalung für meinen Tod, denn ich erinnere mich. Die Bar, die Schnipseljagd, alles nur der lange und konfuse Weg meiner Seele in die Hölle. Meine Kameraden umarmen mich als ich mein Schicksal akzeptiere. Ich spüre den Regen auf meiner Haut, den Stahlhelm an meinem Kopf, das Blut in meinem Mund. Der Mond erhellt das verwüstete Schlachtfeld und mein Herz hört auf zu schlagen. Das Saxophon verstummt, ich wollte immer lernen es zu spielen.
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